Babylon Berlin : Männer in Strampelanzügen

Countdown vor "The Dark Knight", der am 21. August in die Kinos kommt. Christopher Nolans Batman-Film hat in den USA bereits alle Kassenrekorde gebrochen. Das Berliner Babylon veranstaltet nun ein Comic-Filmfestival.

Frank Noack

Schon merkwürdig, wie Begriffe weiterleben, auch wenn sie ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben. Wir sprechen immer noch von Soap Operas und Daily Soaps, obwohl gefühlsbetonte Radio- und Fernsehdramen längst nicht mehr von Palmolive-Werbung unterbrochen werden. Und Comics heißen weiterhin Comics, obwohl es bei den Abenteuern von Superman, Batman und Spider-Man nicht viel zu lachen gibt. Die ersten Bildergeschichten, die Anfang des 19. Jahrhunderts in amerikanischen und britischen Zeitungen erschienen, waren noch lustigen Inhalts und sollten Leser mit geringen Sprachkenntnissen anlocken: ausländische Arbeiter, aber auch Einheimische mit Leseschwäche. Bald erwies sich das neue Medium als dermaßen beliebt, dass der Platz in der Zeitung nicht mehr ausreichte und nach den ersten Comic-Büchern verlangt wurde.

Irgendwann wollten die Leser nicht mehr nur lachen – sie sehnten sich nach Nervenkitzel. Auch im Blick auf die wachsende Zahl von Comic-Verfilmungen fällt auf: Sie bedienen vor allem das Bedürfnis nach Action und Horror. Die Komik ist dem Comic fast vollständig ausgetrieben worden. Die bedeutendsten Comic-Verfilmungen sind Science-Fiction- und folglich Designer-Filme. Im Gedächtnis bleibt die Form, weniger der Inhalt. Schon schön, wenn das Genre der Fantasie freien Lauf lässt, nur was nützen visuelle Exzesse ohne Konzept?

Für einen problematischen Eröffnungsfilm haben sich die Veranstalter des Berliner Filmfestivals „Amazing Stories“ entschieden. Sechs renommierte Zeichner wurden aufgefordert, ihre Ängste zu verarbeiten. „Peur(s) du noir“ beginnt stark: Ein schüchterner Student erlebt sein erstes Mal mit einer tabulosen Kommilitonin – und wird sie nicht wieder los. Neben der makabren Komik dieser sexuellen Angstfantasie können die restlichen Episoden nicht bestehen. Es ehrt die Filmemacher, dass sie auf Schockeffekte wie zähnefletschende Monster und heraushängende Eingeweide verzichten. Andererseits ähnelt sich die Ästhetik von Blutch, Charles Burns, Marie Caillou, Pierre di Sciullo, Lorenzo Mattotti und Richard McGuire gar zu sehr. Die verhängnisvolle Affäre verläuft in SchwarzWeiß, während Visionen von einem Bluthund an Kohlezeichnungen erinnern. In einer Krankenhausszene breitet sich eine rote Blutlache aus: der einzige Gebrauch von Farbe. „Peur(s) du noir“ wäre wohl besser ein Kurzfilm geblieben.

Immerhin, bloße Gefallsucht ist den Veranstaltern nicht vorzuwerfen. Unter den 34 Filmen aus 42 Jahren – der älteste ist „Modesty Blaise“ (1966) mit Monica Vitti – befinden sich ein paar umstrittene und sogar richtig unbeliebte Werke: John Hustons „Annie“ (1982) basiert nicht einmal auf Harold Grays Comic „Little Orphan Annie“, in dem ein bärbeißiger Millionär zur Imagepflege ein armes Waisenmädchen bei sich aufnimmt, sondern auf einem Broadway-Musical. Laut Amazon, wo man sich über die vielen Online-Bestellungen freut, gehört „Annie“ zu jenen Filmen, bei deren Kauf oder Ausleihe niemand erwischt werden möchte.

Ein wenig disparat allerdings kommt das Programm schon daher. Ang Lees „Hulk“ (2003) ist nicht alt genug für eine Neubewertung, und was soll man erst über „Speed Racer“ sagen? Der hatte erst im Mai Premiere und ist hierzulande brutal gefloppt. Ob sein Neueinsatz die Saalmiete wert ist? Andererseits fehlen die dilettantischen, aber gerade deswegen reizvollen Superman- und Batman-Abenteuer, die fürs Fernsehen produziert worden sind. Neben sehr viel US-Filmen werden nur sechs Produktionen aus Japan gezeigt, darunter die „Kill Bill“-Vorlage „Lady Snowblood“. Marjane Satrapis „Persepolis“ wiederum fällt doppelt aus dem Rahmen: Die Regisseurin kommt aus dem Iran – und Frauen im Comic-Genre sind eine Seltenheit, ob als Macherin oder im Publikum.

Anlass der Filmreihe ist der 70. Geburtstag von Superman. Der Mann im blauen Strampelanzug ist dreimal in Gestalt von Christopher Reeve zu sehen. Zur selben Generation gehören Dick Tracy, Flesh Gordon und Batman. Batman ist zwar eine Kreation von Bob Kane, aber ein 40 Jahre jüngerer Zeichner hat ihn wiederbelebt: der 1957 geborene Frank Miller. Der heiß erwartete letzte Film mit Heath Ledger, „The Dark Knight“, auf dem Festival am 20. August und somit unmittelbar vor Filmstart zu sehen, gründet auf Millers Visionen. Dem Kino bringt er mehr Gewinn als all seine Kollegen – er enthält sogar Elemente des film noir.

Wesentlich größere Hürden als Miller musste Robert Crumb nehmen. Der Sohn von Armeeangehörigen zeichnete zunächst Glückwunschkarten, bevor ihn die Lust an der Provokation packte – gegen die Sittenwächter der Comics Code Authority (CCA), die in den fünfziger Jahren die Heftinhalte zensierten. Mit „Fritz the Cat“ schuf er einen Klassiker der Gegenkultur, und der gleichnamige Film erhielt als erster Zeichentrickfilm ein X-Rating, was ihn mit Pornografie gleichsetzte. Crumb fand die Verfilmung von 1971 allerdings zu kommerziell; mit derselben Begründung hatte er sich schon geweigert, ein Cover für die Rolling Stones zu entwerfen. Erst 1994 fasste er wieder Vertrauen zu einem Filmemacher und stellte sich für Terry Zwigoffs Dokumentation „Crumb“ zur Verfügung. Crumbs Freund Harvey Pekar wiederum, Pionier des autobiografischen Comics, steht im Mittelpunkt von „American Splendor“ (2003) – mit dem furiosen Paul Giamatti in der Hauptrolle.

Ja, ist nicht alles Comic? Auch „Vom Winde verweht“ könnte da noch ins Festivalprogramm passen, schließlich richteten sich sämtliche Kameraeinstellungen nach 1500 Zeichnungen, die William Cameron Menzies eigens für das Projekt angefertigt hatte. Oder der Mord unter der Dusche in Hitchcocks „Psycho“: Auch er basiert auf Skizzen, die aneinandergereiht wie ein Comic aussehen. Es ist ganz offenkundig der Sinn fürs Dramatische, der die Comiczeichner so wertvoll für die Filmindustrie macht. Doch wo bleibt der Sinn für Humor? Wer bringt das MAD-Magazin auf die Leinwand?

Amazing Stories. Babylon Mitte, bis 31. August. Infos: www.babylonberlin.de

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