"Bal - Honig" : Der Bienenflüsterer

Ein "neuer Heimatfilm", der zugleich für die Erhaltung der Natur kämpft. Triumph auf der Berlinale, jetzt im Kino: Der türkische Regisseur Semih Kaplanoglu und sein Film "Bal".

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Erinnerung an eine verlorene Welt. Bora Altas als Yusuf in Semih Kaplanoglus Film „Bal“.
Erinnerung an eine verlorene Welt. Bora Altas als Yusuf in Semih Kaplanoglus Film „Bal“.Foto: Pifflmedien

Das Knacken der Äste, fernes Gewittergrollen, Regen auf dem Blattwerk, ein schnaubender Maulesel, die Schritte des Imkers auf dem Waldboden – und der Wind, der die Rufe des Muezzins aus dem Bergdorf herbeiweht. Tausend Farben Grün in den regensatten Wäldern der türkischen Provinz Rize im Nordosten des Landes: jedes Bild ein Fest für die Sinne.

„Bal – Honig“ heißt der neue Film des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu, der auf der Berlinale im Februar den Golden Bären gewann. Kaplanoglu ist ein moderner Fabulierer, mit seinen wortkargen, aber visuell ungemein beredten Filmen ein Nachfahre der Erzählkünstler, wie es sie in der türkischen Kultur lange gab. Damit ist er der vielleicht profilierteste Vertreter des neuen „Heimatfilms“, wie er sich im jüngeren türkischen Autorenkino findet. Bisher galt vor allem Nuri Bilge Ceylan als dessen Repräsentant. Seine universal verständlichen, eleganten Inszenierungen sind beliebt, 2008 wurde er in Cannes für „Drei Affen“ als bester Regisseur ausgezeichnet. Mit dem ebenfalls mehrfach ausgezeichneten Kaplanoglu tritt nun ein Regisseur in Erscheinung, dessen Werk sperriger und „türkischer“ ist.

In seinem Istanbuler Büro im noblen Viertel Nisantasi erklärt sich Kaplanoglu mit dieser Zuschreibung einverstanden: „Es gibt eine Tradition der Melancholie in der türkischen Literatur. Schriftsteller wie Orhan Pamuk haben sich mit einer verloren gegangenen Zeit auseinandergesetzt. Ihre Werke durchzieht eine gewisse Ablehnung der neuen, modernen Türkei. Die jüngeren türkischen Filmemacher übertragen dieses Gefühl auf verloren gegangene Orte. Sie gehen zurück in die Regionen, in denen sie aufgewachsen sind, und stellen fest, dass sich alles geändert hat. Wir gehen jetzt alle auf die 50 zu, sind also nicht mehr so jung. Vielleicht hängt es damit zusammen.“

„Bal“ ist der letzte Teil einer rückwärts erzählten Trilogie um den Dichter Yusuf, in der Kaplanoglu unter anderem den Gegensatz zwischen Stadt und Land thematisiert. Dabei verzichtet er auf jegliche Provinz- und Anatolien-Romantik, sondern zeigt die Kleinstadt als Begegnungsort von Altem und Neuem, nimmt implizit Stellung zu den ökonomischen und sozialen Veränderungen, denen Dörfer, Städte und ganze Landstriche unterworfen sind. Nach „Yumurta – Ei“ (2007) und „Süt – Milch“ (2008) blendet „Bal – Honig“ nun in Yusufs Kindheit zurück. Der schüchterne, stotternde Junge spricht nur mit seinem Vater, dem Imker Yakup – flüsternd und fließend. Dabei sehnt er sich danach, vom Lehrer die Belohnungsnadel für gutes Lesen angesteckt zu bekommen. Eines Tages verschwindet der Vater, und Yusuf erhält die Nadel, aber sie ist ihm nun nicht mehr so wichtig.

In langen, ruhigen Einstellungen erzählt „Bal“ vom abrupten, viel zu frühen Ende einer Kindheit und versetzt den Zuschauer in die Wahrnehmungs-, Sehnsuchts- und Traumwelt des Jungen Yusuf. Der Film spielt in der östlichen Schwarzmeerregion, im 3000 Seelen zählenden Bergdorf Camlihemsin. Dort gibt es den kostbaren dunklen Honig aus Bienenstöcken, die in den Kronen uralter Bäume hängen. Und dort fand Kaplanoglu seinen siebenjährigen Hauptdarsteller Bora Altas und die unberührten Wälder, die in seinem wunderbaren Spielfilm erst von Yusufs symbiotischer Beziehung zum Vater, dann von seinem Schmerz über dessen Abwesenheit künden.

Kaplanoglu erläutert die Schauplätze seiner Trilogie: „Ausgangspunkt für ,Yumurta‘ und ,Süt‘ war die Kleinstadt Tire im Hinterland der Ägäischen Küste; das ist meine Heimat. Von da aus haben wir weitere Orte gesucht. Ich wollte, dass man in ,Süt‘ die voranschreitende Modernisierung der anatolischen Provinz sehen kann. In ,Yumurta‘ kam es mir mehr auf die ländlichen Traditionen an. Für ,Bal‘ aber brauchte ich Wälder; ein abgelegenes Haus am Waldrand, hohe Nadelbäume, Natur. Eine solcher Ort ist schwer zu finden. Wir mussten lange suchen, erst im ägäischen Raum, dann am westlichen Schwarzen Meer und am Mittelmeer. Dort gab es zwar geeignete Schauplätze, aber die Behörden machten Schwierigkeiten oder es waren militärische Sperrgebiete. In Camlihemsin schließlich fand ich alles, was ich brauchte, sogar Yusufs Grundschule. Es ist ein sehr besonderer Ort, der aussieht, als ob das Leben und die Menschheit dort ihren Anfang genommen hätten.“

Aber selbst diese Bergregionen sind gefährdet, wie Kaplanoglu bei seiner Dankesrede auf der Berlinale erwähnte. Das blieb nicht ohne Folgen. Kaplanoglu erinnert sich, wie abenteuerlich die Gegend war, als er sie entdeckte. „Es gab keine Wege, alles war ursprünglich, leer und wild, ein bisschen wie am Amazonas, teilweise gab es keine Elektrizität.“ Dann wurden Wasserkraftwerke gebaut, Bäume gefällt, Leitungen verlegt, sogar die Flussläufe wurden verändert. „Viele sind dort arbeitslos, die jungen Leute sitzen im Kaffeehaus herum. Man versucht, sie für die Projekte zu gewinnen, indem man ihnen schlecht bezahlte Arbeit gibt, aber ohne Sozialversicherung, für drei, vier Monate.“ Zwar gab es Bürgerengagements gegen die Projekte, aber erst jetzt, so berichtet der 49-jährige Regisseur weiter, habe man angefangen, dieses Geschäft zu kontrollieren: „Einen Monat nach meiner Rede auf der Berlinale hat der dortige Regierungspräsident einen Baustopp verhängt, weil die Bevölkerung begriffen hat, dass die Flüsse austrocknen. Aber es ist schon so viel investiert worden. Man weiß nicht, wie es weitergeht.“

Semih Kaplanoglus Selbstverständnis ist das eines oppositionellen Intellektuellen. Als solcher habe man, ist er überzeugt, allen Grund, konservativ zu sein – im wörtlichen Sinn. Der Kampf für die Erhaltung der Umwelt und des ökologischen Gleichgewichts sei eine Verpflichtung für jeden Einzelnen. In seinen Filmen geht er auf religiöse Traditionen ein, die das Landleben immer noch stark bestimmen. Symbolisch sind nicht nur die Titel zu verstehen; vielmehr entwirft er in seinen sorgfältig komponierten Bildern eine Welt voller Zeichen. Kaplanoglu spricht von „spirituellem Realismus“ als Leitmotiv für seine Filme. Er erinnert daran, dass jenseits der weitgehend auf Ratio basierenden europäischen Gesellschaftsordnungen auch andere, archaische Regelwerke virulent sind, die keineswegs irrational sind. Yusuf ist ein kluges, wissbegieriges, sensibles Kind – nur im Klassenzimmer hapert es mit dem Lesen.

Kaplanoglu, der seine Filme als Regisseur, Autor, Cutter und Produzent bis ins kleinste Detail kontrolliert, lotet die ästhetischen Grenzen seines Mediums immer mehr aus. Mitunter hat man den Eindruck, er befinde sich bereits an den Rändern der bildenden Kunst und Musik. Sein Chiaroscuro erinnert an Renaissance-Malerei, die Klänge und Geräusche auf der Tonspur sind von betörender Intensität. Ein Reichtum, der kein Idyll beschwört, sondern eine erinnerte Kindheit: Reminiszenz an eine bedrohte, vielleicht schon verlorene Welt.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos Delphi, fsk am Oranienplatz 1–2 (OmU), Hackesche Höfe Kino 1–5 (OmU), International, Odeon (OmU), Yorck + New Yorck

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