Kino : Bei Abruf: Mord

„Klopka“ erzählt von einem Balkan, dessen Kriegswunden kaum verheilen

Martin Schwickert

Die Ampel zeigt rot. Sie ist der metaphorische Ort, an den die Kamera immer wieder zurückkehrt. Am Morgen, wenn der Vater den Sohn zur Schule fährt und ein Roma-Junge im gleichen Alter gegen ein Trinkgeld die Windschutzscheibe putzt. Am Nachmittag, als neben dem alten R 4 des Bauingenieurs der schmucke Allradwagen aus der neuen kriminellen Oberschicht hält. In der Gewitternacht, in der Vater und Mutter aus dem Krankenhaus kommen mit der Gewissheit, dass sie nicht genug Geld haben, um das Leben ihres Sohnes zu retten. Und am Ende, als die Schüsse fallen, die alle Hoffnung auf Vergebung zunichtemachen.

In „Klopka – die Falle“ entwirft der serbische Filmemacher Srdan Golubovic ein Drama von existenzieller Wucht und abgrundtiefer Schwermut. 26 000 Euro soll die Operation in Deutschland kosten, die den herzkranken Sohn vor dem sicheren Tod bewahren könnte. Eine astronomische Summe für die Eltern, die sie vom spärlichen Einkommen als Lehrerin und Ingenieur eines staatlichen Baubetriebes nicht aufbringen können. Freunde, Verwandte und Banken winken ab. Nur ein Spendenaufruf kann noch helfen.

Bald meldet sich ein Unbekannter, der die gesamte Summe zahlen will. Einzige Bedingung: Mladen (Nebojsa Glogovac) muss dafür einen Mann aus der lokalen Mafia umbringen. Brüskiert lehnt der Familienvater das Angebot ab, lässt sich jedoch nach wiederkehrenden, lebensbedrohlichen Anfällen seines Sohnes auf den Pakt ein. Doch der Versuch, den Tod gegen das Leben einzutauschen, misslingt. Der Auftraggeber verschwindet, ohne die versprochene Summe zu zahlen. Der Mafiaclan nimmt die Spur des Mörders auf – und ausgerechnet die Witwe des Ermordeten möchte der Familie das erforderliche Geld spenden.

All seine Gewissenkonflikte trägt Mladen mit sich selbst aus und entfremdet sich dadurch zunehmend von seiner Frau Marija (Natasa Ninkovic), die die vermeintliche Passivität ihres Mannes nicht mehr ertragen kann. Mit dramaturgischer Präzision treibt Golubovic seinen Helden in die Ausweglosigkeit. Dabei lädt er ihm nicht nur individuelle Gewissenskonflikte, sondern auch das Dilemma der serbischen Nachkriegsgesellschaft auf die Schultern, in der das gelähmte Bürgertum am Abgrund steht und die kriminelle Oligarchie die Fäden zieht. Auch wenn mit keiner Einstellung auf die zurückliegenden Kriege Bezug genommen wird: In fast jedem Bild ist zu erkennen, wie müde die Menschen von den Anstrengungen der unsichtbaren Vergangenheit und der kompromisslosen Gegenwart sind. In ruhigen, klar kardierten Einstellungen schaut die Kamera in diese Gesichter und zeigt in fast monochromen Bildern ein Belgrad, das sich der Stagnation ergeben hat.

Golubovics stilsicheres Noir-Drama hat in Serbien mit einem beeindrucken vierten Platz der Jahrescharts viele prominente Titel der Hollywoodkonkurrenz weit hinter sich gelassen. Vielleicht gerade, weil „Klopka“ von Schuld und Sühne erzählt, ganz ohne die kriegerische Vergangenheit zu erwähnen.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Colosseum, Kurbel, Spreehöfe, Union

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