"Beim Leben meiner Schwester" : Fliegen lernen

Nick Cassavetes wählt für seinen Film „Beim Leben meiner Schwester“ einen schweren Stoff: eine Familie, die sich vor Gericht bekriegt.

Christina Tilmann

Sie lieben sich alle. Die engagierte Mutter, der entspannte Vater, der pubertierende Sohn, die Jüngste Anna – und Kate, das Sorgenkind der Familie, leukämieerkrankt seit der Kindheit. Inzwischen ist sie dreizehn, hat keine Haare mehr, spuckt Blut – und streitet sich mit ihrer Schwester, hört laut Musik, träumt vom Märchenprinzen und springt beim Streit mit den Eltern vom Küchentisch auf. Ein echter Teenager eben. Auch wenn sie beim Trampolinspringen nur zusehen darf, fliegen können die anderen.

So viel normales Leben wie möglich ist das Motto der Familie. Und schnell ist klar, das wird nicht funktionieren. Irgendwann stellt sich Anna quer. Sie sei ein Retortenkind, geschaffen nur als Rohstofflager für ihre Schwester, deren genetischen Code sie teilt, erklärt die Elfjährige – und geht vor Gericht. Mein Körper gehört mir, ist ihre Forderung. Der Preis: das Leben der Schwester.

Erneut, nach dem Jugenddrama „Alpha Dog“, hat Nick Cassavetes mit der Verfilmung von Jodi Picoults Bestseller „Beim Leben meiner Schwester“ schweren Stoff gewählt: eine Familie, die sich vor Gericht bekriegt.  Die Mutter (Cameron Diaz) hat sich Kates Überleben zum Ziel gemacht und zieht gegen die eigene Tochter vor Gericht. Der Anwalt (Alec Baldwin), der Anna vertritt, hat ein Gesundheitsproblem, das ihm Annas Anliegen vertretbar macht. Und dann ist da noch die Richterin (Joan Cusack), deren Tochter stirbt – man hört die Dramaturgie klappern. Und am Ende löst sich alles in Tränen auf. Sehr amerikanisch.

Und doch ist „Beim Leben meiner Schwester“ ein außergewöhnlicher Film. Weil er nicht vor den Konsequenzen seines Stoffs zurückschreckt. Was, wenn Kate (Sofia Vassilieva) entscheidet, das war es jetzt? Wer den zu frühen Tod eines Angehörigen erlebt hat, kann die Wucht ermessen, die der Film in diesem Moment bekommt. Und wo Gefahr besteht, dass er in Sentimentalitäten abzurutschen droht, sorgt Abigail Breslin dafür, dass alles geerdet bleibt. Die 13-Jährige hatte schon in „Little Miss Sunshine“ als untalentierte Miss-Kandidatin eine umwerfende Performance hingelegt. Ihr kann man alles anvertrauen. Auch das Leben der Schwester. Christina Tilmann

In 10 Berliner Kinos, OV im Cinestar Sony-Center

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