"Berlin 36" : Spring schon, Mann!

Gretel Bergmann wurde als "Alibi-Jüdin" aufgestellt – und kurz vor dem Wettbewerb mit fadenscheiniger Begründung disqualifiziert. Eine vergessene Olympia-Episode: "Berlin 36".

Christina Tilmann

Immer wieder hat sie denselben Albtraum, schreibt Gretel Bergmann in ihren Memoiren. Es sind die Olympischen Spiele in Berlin 1936, sie steht als jüdische Hochspringerin im deutschen Team, das Stadion mit 100 000 Plätzen ist ausverkauft, sie sieht nur Naziuniformen, Hakenkreuze überall, der Lautsprecher kündigt den Hochsprung an – und sie steht wie angewurzelt, die Füße wie einzementiert. Und wacht auf, zitternd, schweißgebadet, voller Zorn, noch siebzig Jahre später.

Gretel Bergmann war nicht im Olympiastadion, damals in Berlin 1936. Im deutschen Team, ja, das schon, auf Druck der Amerikaner, die ihre Teilnahme an den Spielen davon abhängig gemacht hatten, dass jüdische Sportler in Deutschland nicht benachteiligt werden. So wurde Gretel Bergmann als „Alibi-Jüdin“ aufgestellt – und kurz vor dem Wettbewerb mit fadenscheiniger Begründung disqualifiziert. Wie zum Hohn wurde ihr eine Stehplatzkarte angeboten. Ein Jahr später emigrierte sie in die USA.

In Kaspar Heidelbachs Film „Berlin 36“ ist Karoline Herfurth als Gretel sehr wohl im Stadion. Auf der Tribüne beobachtet sie ihre Konkurrentin Marie Ketteler, mit der sie sich im Trainingslager angefreundet hat. Eine Korrektur der Geschichte, um der Kinotauglichkeit willen? Leider nicht nur. Denn die abstruse Geschichte einer deutschen Jüdin, die von den Nazis erst aufgestellt, schikaniert und am Ende ausgeschlossen wird, genügte Heidelbach und seinem Drehbuchautor Lothar Kurzawa nicht. Da war noch mehr Aufregung im Stoff.

In der Tat: In der Nazi-Damenmannschaft gab es noch eine andere Unregelmäßigkeit, von der Gretel erst Jahre später erfuhr. Marie Ketteler war ein Mann – ins Rennen geschickt, damit auf keinen Fall eine Jüdin gewinnt. Gretel Bergmann handelt diese Episode um ihre Zimmergenossin, die im Übrigen nur Vierte geworden sei, in ihren Memoiren kurz ab – der Zusammenhalt zweier Außenseiter gegen die Nazi-Übermacht, wie ihn der Film konstruiert, existierte nicht. Dabei ist jedes der beiden Schicksale ein Drama für sich, das des Mannes in einer Frauendisziplin womöglich gar das spannendere. Welche Pein der Medienverdacht einer falschen Sexualität bedeuten kann, haben unlängst die WM-Berichte über die Läuferin Caster Semenya gezeigt.

Stattdessen ein bisschen Mobbing der „arischen“ Konkurrentinnen, fiese Nazis in Uniform, ein gemütlicher Axel Prahl als Trainer und ein hübsch-lockenköpfiger Sebastian Urzendowsky, der die Gratwanderung Maries nie spürbar macht. Und viele, viele Anläufe vor der Latte. „Berlin 36“ hat jede einzelne gerissen.

In neun Berliner Kinos

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