Berlinale : Das Festival der vermummten Gestalten

Alle reden vom Wetter: Erst seit 1978 findet die Berlinale im Winter statt – und schaffte es damit, ein echtes Publikumsfestival zu werden.

von
321840_0_b4c51d3f.jpg
Zur Winterpremiere 1978 gab es eine Pudelmützen-Kampagne. Fotos: IFB, Stijepo Pavlina

Alle wollen Filmstar sein. Nur nicht zur Berlinale. Im ärmellosen Abendkleidchen auf Highheels im eisigen Schneeregen posieren und strahlen, ohne auch nur mit der Wimper zu zittern? Nö, danke. Dann doch lieber Fan sein und warm eingemummelt in Stiefeln und Pudelmütze „George! George!“ kreischen und „Scarlett! Scarlett!“ brüllen.

Auf der Berlinale ist das Wetter immer schlecht: kalt, grau und nass. Auch wenn es mal ganz anders, freundlich und sonnig war – in Erinnerung bleiben allein der trübe Himmel, der eisige Wind, der Regen von oben und der Matsch von unten. Es gibt Heerscharen von Ausländern, die der festen Überzeugung sind, dass in Berlin nie die Sonne scheint.

Das war nicht immer so. Früher fand die Berlinale nämlich im Sommer statt, zwischen Cannes und Venedig. Genau das war das Problem: Wettertechnisch mag der Termin im Juni, Juli prima gewesen sein, filmtechnisch weniger. Berlin kam nach Cannes, das heißt die Franzosen schnappten den Deutschen die guten Schinken vor der Nase weg. Zumindest war das die Angst. Festivalleiter Wolf Donner machte sich für den Saisonwechsel stark, der 1978 tatsächlich erfolgte. Das gab großes Geschrei, die Argumente waren dieselben wie Anfang der 60er Jahre, als die Idee kursierte, das Festival in den Herbst zu verlegen. „Sollen wir nun ganz, mit einem verschämten Augenaufschlag, auf die reichhaltigen Dekolletés, und die hübschen windigen Roben der Stars und Sternchen verzichten?“, empörte sich ein Kritiker 1964. „Und wie viele vermummte Gestalten würden schon anrücken?“

Viele: 2010 rechnet die Berlinale mit rund 275 000 Besuchern. Und das Wetter dürfte sich auch in diesem Jahr nicht von seiner schönsten Seite zeigen.

1978 fand das Festival zum ersten Mal im Winter, damals noch im März statt. Dem Film hat das nicht geschadet. Im Gegenteil. In Cannes und Venedig sind die Verlockungen groß. Wer will schon mittags um zwölf in der Dunkelheit eines Kinosaals untertauchen, wenn er sich zur selben Zeit draußen am Strand oder im Café tummeln kann? Wenn’s dagegen stürmt und schneit, macht man sich’s nur allzu gern drinnen gemütlich. So konnte sich die Berlinale, jenseits der Eitelkeiten, zu einem echten Publikumsfestival entwickeln.

Ja, es gibt sogar Besucher, die sich auf den Winter in Berlin freuen. So wie Dan Fainaru, der seit 32 Jahren aus Tel Aviv einfliegt. Schnee ist für ihn exotisch genug, dass er seine wahre Freude daran hat. Was ihm weniger behagt: Wenn der Winter in Berlin nur „wie ein nasser Herbst“ daherkommt. Aber im Grunde ist das Wetter und das ganze Gerede darüber dem Kritiker herzlich egal. „Jedes Wetter ist gut für gute Filme, und jedes Wetter ist mies für schlechte Filme.“ Das Einzige, was ihn interessiert, ist, wie er nach den Vorführungen schnell und sicher ins Hotel zurückkommt.

Auf das, was vom Himmel kommt, hat der Mensch nun mal keinen Einfluss. Aber was er daraus macht, ist seine Sache. Im Grunde ist alles nur eine Frage des Marketings. 1978, zur Winter-Premiere, machte die Berlinale Furore mit einer eigens aufgelegten Pudelmütze, die sich zum Renner entwickelte. Spätestens seit Dieter Kosslick 2001 sein Amt antrat, ist das Schmuddelwetter endgültig schick geworden: Der Festivaldirektor hat seinen roten Schal zum Markenzeichen gemacht. Im Berlinale-Shop kann sich jedermann mit Schal, Mütze, Kapuzenpulli oder Regenschirm eindecken. Die Einnahmen kommen dann wieder dem Film zugute.

Berliner können eigentlich nur heilfroh über den Saisonumschwung sein. Denn sie wissen am besten, dass die Berlinale der einzige Weg ist, den Februar, wenn man endgültig vom Winter die Nase voll hat, vergnüglich zu überleben.

Und ansonsten: Auch der Sommer schützt vor Regen nicht. Bei den Filmfestspielen 1952 mussten die Open-Air-Vorführungen wegen zahlreicher Güsse abgesagt werden. Kritiker haben das durchaus als gutes Zeichen gesehen: für die Seriosität der Berlinale. Wer will denn frivol sein?

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben