Berlinale : Martenstein die Sechste

Harald Martenstein über Filme, in denen es Menschen schlecht geht.

Harald Martenstein HP Kontur

Gerade eben habe ich einen Film gesehen, in dem eine Viertelstunde lang Pickel ausgedrückt wurden. Ich habe jetzt fast eine Woche lang Filme gesehen, in denen es Menschen schlecht geht. Die Menschen wurden geschlagen, angespuckt und auf jegliche Weise fertiggemacht. In einem Film vergewaltigt ein Mann, der keine Arme und keine Beine mehr hat, seine Ehefrau, und sie zerquetscht auf seinem von Wunden entstellten Schädel rohe Eier. Die einzige glückliche Liebesgeschichte scheint in einem Kurzfilm vorzukommen, in dem zwei junge Männer mit ihren Hunden Geschlechtsverkehr haben, alle reden über diesen Kurzfilm, das sei der romantischste Film des ganzen Programms.

Wenn ich in ein Berlinale-Kino gehe, frage ich mich vorher nur noch: Was tun sie einander diesmal an? Erwürgt der Held gleich am Anfang seine Partnerin, schlägt er sie erst in der Mitte des Films tot, oder schneidet sie ihm mit einer glühenden Nagelschere die Ohrläppchen ab? Und ich frage mich: Welches Monster hat dieses Programm zusammengestellt? Das kann nur der Fürst der Finsternis sein und nicht der nette Herr Kosslick. Im Inneren von Kosslick kann nicht so eine Folterkammer sein.

Die Menschen sind doch gar nicht so. Es gibt nette Menschen! Es gibt Glück! Es gibt Liebe! Hilfsbereitschaft. Zärtlichkeit. Nicht jeder, dem man begegnet, will einen gleich totschlagen oder vergewaltigen oder mit einer Stricknadel durch das Auge ins Gehirn vordringen, um dort Hirnstränge zu durchtrennen. Das weiß man doch. Warum, verdammt, zeigen sie im Wettbewerb nicht endlich mal wieder so was wie die „Shiloh Ranch“? Das ist vielleicht kein großes Kunstwerk, aber, mein Gott, der Film mit diesem bösartigen, beißenden, zähnefletschenden Arm- und Beinlosen war auch keine große Kunst. Ich fordere mehr Sozialrealismus! Ich will Filme mit zwitschernden Vögeln, die gibt es, mit lachenden Kindern, die gibt es, ich will alte Damen sehen, die im Park ihre Hunde spazieren führen, statt sie am Schwanz aufzuhängen oder sexuell zu belästigen! Und Sonne. In den Filmen soll die Sonne scheinen. Kein Schnee. Kein Regen. Nach der Berlinale gehe ich in die Videothek und leihe mir alle Folgen der „Schwarzwaldklinik“ aus.

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