Berlinfilm : Diktatur, Spinat und Ei

Die Verfilmung des Romans "Boxhagener Platz" hat heute Premiere. Eine Begegnung mit Regisseur Matti Geschonneck vor Ort in Friedrichshain.

G,a Bartels
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Treff der Berufstrinker. In Matti Geschonnecks 1968 spielendem Film »Boxhagener Platz« trifft sich hier die durstige...Foto: Mike Wolff

Komische Sache, die Erinnerung. Wie die Wohnung aussah, in der er als Kind in der Wühlischstraße 44 wohnte, weiß Matti Geschonneck nicht mehr. Draußen leuchtet die Fassade frisch saniert. „Damals war hier alles grau.“ Aber dass der Junge eine Treppe höher mal einen Vierer im Lotto hatte, das fällt ihm sofort ein. Reich war seine Friedrichshainer Kindheit Ende der fünfziger-, Anfang der sechziger Jahre, obwohl keiner Geld hatte, aufregend, weil er tagsüber auf der Straße rumstromerte, in Ruinen spielte oder über die Oberbaumbrücke westwärts lief, und vor allem sehr warm. Deswegen sei auch der Film so, sagt der Regisseur.

„Boxhagener Platz“, Matti Geschonnecks Verfilmung des gleichnamigen Romans von Torsten Schulz, hat heute Abend in der Reihe Berlinale Special im Friedrichstadtpalast Premiere. Gespielt von einem All-Star-Ensemble, zu dem Gudrun Ritter, Michael Gwisdek, Samuel Schneider, Meret Becker, Jürgen Vogel, Horst Krause und Hermann Beyer gehören. „Um Gottes Willen, 1800 Leute“, erschrickt der Regisseur mit Blick auf das große Premierenpublikum. Der 1952 geborene Sohn des Schauspielerpaars Hannelore Wüst und Erwin Geschonneck, hat als Regisseur zwar alle Fernsehpreise abgeräumt, die es in Deutschland gibt, aber dies ist sein erster Kinofilm seit 1991. Und ein kühler Routinier ist er sowieso nicht. Es gebe gar nicht so viele Stoffe, die es tatsächlich wert seien, im Kino zu laufen, stellt Geschonneck fest.

Was der Boxhagener Platz im Film mit dem wirklichen zu tun hat? Nix, sagt Geschonneck, steht vor der Szenespelunke „Feuermelder“ in der Krossener Straße, die im Film eine Altberliner Eckkneipe ist, und schaut über den winterkahlen Platz. Hat sich extremst verändert, sagt Geschonneck. Als Kulisse des Ost-Berlins von 1968 taugte er saniert nicht. Gedreht wurde in Babelsberg und Halle.

Mit Freunden ist Geschonneck hier durch die Marktstände gerannt. Wurde eingeschult. Hat die Scherenschleifer, Eisblocklieferanten und Bierkutscher mit ihren dicken Kaltblütern beobachtet. Und im Kino Amor um die Ecke seinen ersten Film gesehen. Mit sechs, nachmittags um halb zwei, Eintritt 25 Pfennig. Der Titel? „Kotschubej“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Ein sowjetisches Revolutionsdrama. 30 Jahre lebt Geschonneck nun schon in Mitte, Krausnickstraße. Die versunkene Welt am Boxhagener Platz, für die der Filmtitel eine Metapher ist, hat er trotzdem nicht vergessen. „Da treten Charaktere auf, die ich sehr gut kannte“, sagt er. „Und Berliner Stoffe, wo die Berliner Seele richtig gut getroffen wird, das haste wenig.“

Deswegen nennt er die Tragikomödie auch einen „Berliner Heimatfilm“. Die Geschichte von Oma Otti, Familie und Verehrern sei keine Ostberliner-, sondern einfach eine Berliner Geschichte, sagt Geschonneck. Nicht ostalgisch, aber vom nostalgischem Schmelz des Blicks auf die Kindheit des jungen Helden Holger überzogen. Gegen Berufsberlinertum und Filme mit „Praxis Bülowbogen“-Anstrich hat Geschonneck übrigens was, aber eine Liebeserklärung an seine Stadt hat er trotzdem gedreht. Woran genau? An die Kraft, Lebensbejahung und die Haltung der Leute in einem opportunistischen, repressiven System. Und „an den Berliner Humor, der jeder Diktatur trotzt“.

Und weil nur Überleben kann, wer isst und trinkt, spielt das eine wichtige Rolle im Film. Gärtnerstraße, da hatte ich mal ’ne Freundin, sinniert Geschonneck und rührt in einem Café ebenda im zweiten Milchkaffee. Rouladen, Buletten, Karpfen, Gräupchensuppe – ständig wandert im Film Hausmannskost in Großaufnahme in die Münder. Wie Matti Geschonnecks Boxhagener Platz schmeckt? „Wir hatten Schulspeisung“, sagt er, statt Omi sozusagen. Sein Leibgericht: Kartoffeln, Spinat und Ei. Gunda Bartels

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