BIOPIC „Lincoln“ : Der Eine unter Vielen

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Foto: Fox
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Egal, wie man Steven Spielbergs geschichtsgewaltiges Biopic „Lincoln“ als Ganzes beurteilt, vor der Leistung von Daniel Day-Lewis kann man nur in die Knie gehen. Und es sollte verwundern, wenn der Brite bei der Oscarverleihung in der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ nicht zum dritten Mal nach „Mein linker Fuß“ (1990) und „There will be Blood“ (2008) die begehrte Trophäe abräumt.

Day-Lewis eignet sich den berühmtesten aller US-Präsidenten mit einer Überzeugungskraft an, die weit über Method Acting hinausgeht. In den zweieinhalb Stunden Laufzeit vergisst man völlig, dass hier ein Schauspieler zu sehen ist. Man hat vielmehr das Gefühl, Day-Lewis wird tatsächlich zu Abraham Lincoln: Genau so, mit diesem ikonischen, immer wieder ins Bild gerückten Profil, hat der Mann ausgesehen, so muss er gesprochen, seine Familie behandelt, sein Amt geführt haben. Und nur so kann er es geschafft haben, im Januar 1865 den 13. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung zu verabschieden, durch den kurz vor Ende des Bürgerkriegs die Sklaverei abgeschafft wurde.

Dass dies ebenso der Zähigkeit eines Einzelnen wie dem gemeinschaftlichem Wirken von Vielen geschuldet war, verdeutlicht Spielberg in kammerspielartigen Szenen, die das rhetorische Ringen zwischen damals fortschrittlichen Republikanern und konservativen Demokraten im Repräsentantenhaus zeigen. Nach vier Jahren blutigem Brüderkrieg stehen die Nordstaaten zwar kurz vor dem Sieg und haben die Möglichkeit, ihre Ziele – darunter die Abschaffung der Sklaverei – durchzusetzen. Doch wichtiger ist fast allen Beteiligten eine sofortige Kapitulation des Südens, was ohne das umstrittene Gesetz leichter wäre. Lincoln ist dann die treibende Kraft, doch umsetzen müssen das Vorhaben andere, auch zwielichtige Helfer – ohne gekaufte Stimmen des politischen Gegners geht es nicht.

Das alles ist Historiendrama und politischer Thriller vom Feinsten. Es bleibt trotz der hypnotischen Kraft von Day-Lewis (neben dem selbst so exzellente Darsteller wie James Spader oder Tommy Lee Jones verblassen) auch ein fast lehrbuchhaft strenger Film, ohne künstlerische Vision. Vielleicht aber ist genau das der richtige Ansatz zu einer Zeit, in der sich Demokraten und Republikaner wieder unversöhnlich gegenüberstehen: „Lincoln“ führt vor, wie ein zäh errungener Kompromiss zum Segen werden kann. Beeindruckend.Jörg Wunder

USA 2012, 152 Min., R: Steven Spielberg, D: Daniel Day-Lewis, Sally Field, Tommy Lee Jones, David Strathairn, Joseph Gordon-Levitt, James Spader

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