''Chanson der Liebe'' : Zum Sterben schön

Musical mit Depressionen: "Chanson der Liebe" von Christophe Honoré ist ein herbstlich-melancholischer Paris-Film.

Daniela Sannwald
Chanson der Liebe
Julie (l., Ludivine Sagnier), Alice (M., Clotilde Hesme) und Ismael (Louis Garrel). -Foto: promo

Auch der zweite Paris-Film, der diesen Sommer ins Kino kommt, spielt im Spätherbst, der in Paris ebenso ungemütlich ist wie überall sonst auf der Welt. Das Genre des Musicals arbeitet traditionell den meteorologischen und den damit häufig verbundenen emotionalen Tiefs zwar eher entgegen – vorbildlich in dieser Hinsicht etwa „Mamma mia!“ –, aber man soll sich nicht täuschen: Wenn Chiara Mastroianni im Regen durch eine leere Parkanlage voller kahler Bäume spaziert und die Wochenendstimmung im Parc de la Pepinière besingt, dann ist das zum Sterben schön, aber eben: zum Sterben.

Zwar gibt es keinen Park solchen Namens in Paris, sondern nur in Nancy, und auf einer französischen Diskussionswebsite wird heftig darüber debattiert, welcher der doch reichlich vorhandenen Pariser Parks denn gemeint sein könnte. Aber ein Musical ist kein Dokumentarfilm. Wie aus der Handlung heraus über Tische und Bänke getanzt und mitten auf der Straße in Gesang ausgebrochen werden darf, so ist es auch erlaubt, gar nicht existierende Orte zu erfinden. Im Übrigen ist „Chanson der Liebe“ („Les chansons d’amour“) von Christophe Honoré ein wunderbarer und auch geografisch nachvollziehbarer Film über das X. Pariser Arrondissement.

Dort haben sich Ismael, Julie und Alice, alle um die dreißig, zu einer Lebens-, Liebes- und Arbeitsgemeinschaft zusammengetan, wobei sie die Bereiche in unterschiedlichen Zweierkombinationen abdecken, jedoch auch in der Lage sind, alles zu dritteln. Als Julies – durch diese vorher verschiedentlich als brisant besungene Konstellation womöglich doch angegriffenes – Herz stehen bleibt, finden sich Ismael und Alice zu zweit nicht mehr zurecht. Vor allem Ismael.

Der melancholisch-schöne Louis Garrel spielt ihn mit schnöseliger Eleganz, die so authentisch wirkt, dass man weder die Figur noch ihren Darsteller im wirklichen Leben treffen möchte, aber er wird seinem Fach des trauernden Liebenden, der den Tod seiner Freundin als persönliche Kränkung versteht, gerecht. Innerlich und äußerlich zerzaust lässt er sich durch Paris treiben, während inzwischen Alice den kleinen, kreativen Selbständigenbetrieb aufrechterhält, von dem sie beide leben.

Ismael tröstet sich vorübergehend mit einem jungen Mann, der seinem nicht unbeträchtlichen Charme erliegt, allein, die Trauer vermag dieser, der nun seinerseits zu leiden beginnt, nicht zu lindern. Ganz besonders deutlich wird das in einem Solo Ismaels, das er mit Tränen in den langen Wimpern singt – auch dieses Musical ist nicht weit vom Kitsch entfernt, aber das macht nichts. Verkitschung ist schließlich nur eine von vielen kulturellen Strategien, mit dem Tod umzugehen.

Eine andere ist die vorübergehende Depression, und für die steht Chiara Mastroiannis Spaziergang durch den menschenleeren, herbstlichen Park.

Central, Cinema Paris, fsk am Oranienplatz (alle OmU)

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