Christoph Schlingensief : Möge uns die Hölle erspart bleiben

Christoph Schlingensief kommentiert den italienischen Stummfilm „L’Inferno“ im FORUM EXPANDED.

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Die ersten Bilder stammen nicht aus der Hölle, sondern aus der Sonne Afrikas. Auf dem Programm des Forum Expanded im Hebbel am Ufer steht der italienische Stummfilm „L’Inferno“ aus dem Jahr 1911, vorgeführt und kommentiert von Christoph Schlingensief, aber das hat noch etwas Zeit. Vor die Unterweltvisionen aus Dantes „Göttlicher Komödie“ setzt der Künstler seinen eigenen Traum vom Glück auf Erden. Schlingensief zeigt ein Video der Grundsteinlegung seines Operndorfes Remdoogo in Burkina Faso (Tsp. vom 10. Februar), er spricht von der Krankenstation, die es dort geben wird, von der Frau, die das Wort „Oper“ nicht kannte, wohl aber „Operation“, er schwärmt von seinem Architekten Francis Kéré, der ihn immer wieder vor dem „touristischen Wahn“ bewahre, sich in der Ferne als Gutmensch zu gebärden, und er erzählt von dem Super-8Film, den er in die Grundstein-Kassette gelegt hat, entstanden noch in kindlichen Tagen unter dem dem Titel „Wer tötet, kommt ins Kittchen.“ Den Simultandolmetschern galoppiert er mit dieser Suada locker davon, aber selbst wer kein Wort versteht, kapiert, dass hier einer sein Herzensprojekt gefunden hat. Auch auf der Berlinale kein gewöhnlicher Moment.

Es ist ja außerdem nicht so, als hätten der Stummfilm und das Operndorf nichts miteinander zu tun. Irgendwann im Laufe dieser großartigen Filmperformance spricht der krebskranke Schlingensief davon, ganz unpathetisch, dass er die Momente suche, die Atem geben. Den schwülstigen „L’Inferno“-Soundtrack von Tangerine Dream, Teil der DVD-Edition, schaltet er aus, stattdessen unterlegt und überblendet er den Film mit anderen Werken, „Apocalypse Now“, „Der Exorzist“, „Die Verdammten“, dazu Aufnahmen von Kurt Flasch, Klaus Kinski und Hubert Fichte, aus dem Buch „Der Aufbruch nach Turku“ , dort ist Schlingensiefs Frau geboren worden, so ist er auf den Schriftsteller überhaupt gestoßen – es hängt alles mit allem und am Ende eben auch alles mit ihm selbst zusammen in diesem überreichen Kosmos. Als Schlingensief zu filmen begann, projizierte er seine Super-8- Werke auf den Fernseher, den Ton ließ er laufen, von Sendungen wie „Die bezaubernde Jeannie“, es war erstaunlich, sagt er, wie gut das oft passte. An anderer Stelle erzählt er – ein Spotthieb auf den Restaurierungsstolz unsere digitalen Tage –, wie er mit seinen Eltern die nicht aufgehellte Fassung von Fassbinders „Berlin Alexanderplatz“ im Fernsehen schaute, so dicht vor die Mattscheibe gebeugt, dass sie sich darin spiegelten. Familie Schlingensief auf dem Alexanderplatz.

Auch in „L’Inferno“, der von Dantes und Vergils Abstieg durch die Kreise der Hölle erzählt, findet sich Schlingensief wieder, so entrückt der fast hundert Jahre alte Film bisweilen auch wirkt. Aber die Frage nach dem Ende, die er aufwirft, ist zeitlos, und für Schlingensief stellt sie sich nun einmal drängend. Sein Ringen mit dem Glauben hält an, „ich bin katholisch, aber ich kann den Papst nicht mehr sehen“, sagt er, und, frei nach Meister Eckhart: „Wenn Gott gnädig ist, dann ist er beschränkt.“

Es gab zuletzt dunkle Tage, mit einer Medikamentenumstellung hatte das zu tun, Momente, wo sich ihm der Titel seines Buches „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ in die Gewissheit verkehrte, den Himmel verloren zu haben. Diesen Abend aber schließt er mit einem frommen Wunsch. Mit der Hoffnung, uns allen möge das Inferno erspart bleiben. Patrick Wildermann

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