CITY Lights : 539 aufregende Minuten

Silvia Hallensleben genießt die Entgrenzungen des Essayfilms

Silvia Hallensleben

„Der Weg der Termiten“ hieß die jüngste Viennale-Retrospektive in Wien, die das essayistische Kino seit den Anfängen der Filmgeschichte feierte. Den Titelbegriff hatte Kurator Jean-Pierre Gorin beim Filmessayisten und Maler Manny Farber ausgeliehen, der damit eine Form der Kunst beschreibt, die „ständig ihre eigenen Begrenzungen auffrisst und in diesem Durchfraß keine Spur hinterlässt außer Zeichen einsatzbereiter, fleißiger und ungezähmter Aktivität“.

Laut Gorin untergräbt auch der Essayfilm die filmischen Genre-Gesetze mit termitisch subversiver Energie – ein kühnes Bild, das man in einer donnerstäglichen Reihe im Zeughauskino überprüfen kann. Heute steht mit Chris Markers Sans Soleil (1983) ein Klassiker des essayistischen Kinos auf dem Programm, der aus dem Spiel polyfon montierter Bild- und Tonsequenzen und einer indirekt referierenden Erzählstimme eine oft irritierende Freiheit des Erzählens gewinnt. Dabei geht es nach Tokio und Afrika, um das Bildermachen zwischen den Kriegen und eine „Erinnerung, die nicht das Gegenteil des Vergessens ist, sondern dessen Kehrseite“. Als Prototyp des Erinnerungsfilms gilt Claude Lanzmanns Shoah, der Dienstag und Mittwoch im Arsenal in ganzer 539-minütiger Länge zu sehen ist. Doch Lanzmanns Konzept der dialogischen Untersuchung zielt eher auf Rekonstruktion der Geschichte im Heute – und gibt sich mit beharrlichen Zeugenbefragungen klassisch dokumentarisch. Die opulente angelsächsische Spielart des Genres zeigt Barbet Schroeders Porträt des geheimnisumwitterten französischen Staranwalts Jacques Vergès, der neben algerischen Unabhängigkeitskämpferinnen, Pol Pot und Carlos auch Klaus Barbie auf seiner Mandantenliste hatte. Der Anwalt des Schreckens, am Freitag im Arsenal beim One-World-Menschenrechtsfestival zu sehen, spielt auch auf die Verbindungen zwischen arabischem Terrorismus und europäischen Nazis an. Schade, dass Vergès nie ausdrücklich darauf angesprochen wird. Ein bisschen mehr Lanzmann hätte da gutgetan.

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