CITY Lights : Action, Bosse!

Silvia Hallensleben huldigt Regie-Stars vor der Kamera. Heute: Lars Trier und die Bewegung der Independent Kinos.

Silvia Hallensleben

Die Skandinavier sowieso. Aber auch Franzosen und Italiener, Polen, Spanier, Tschechen, Türken und Ungarn durften Lars von Triers neuesten Film schon im Frühjahr im Kino sehen. Mit der Low-Budget-Produktion Direktøren for det hele (The Boss of it All) bewegt sich der Däne zurück in heimische Gefilde und lässt, so ist zu lesen, sein Universum diesmal in vergnügten Komödientönen funkeln. Am Mittwoch – immerhin ein Mini-Start! – eröffnet sein Film den Nordischen Filmklub, der im Felleshus in der Rauchstraße alle zwei Wochen skandinavische Erfolgsfilme präsentiert. Dabei glänzt im vorwiegend dänischen Cast auch Triers isländischer Regiekollege Fridrik Thor Fridriksson in einer Paraderolle als tobsüchtiger Investor und Dänenhasser. Technisch präsentiert der Dogma-Begründer diesmal mit seiner „Automavision“ eine computergesteuerte Aufnahmetechnik, die angeschnittene Köpfe und stolpernde Jump Cuts zwangsverordnet. Bildausschnitt und Tonsteuerung werden angeblich nach dem Zufallsprinzip generiert: Wahrnehmungspychologisch wohl ein bemerkenswertes Experiment – nur: Ob es die Filmkunst weiterbringt?

Von Filmrebellen zu Klassikern geworden sind zwei Regisseure der französischen Nouvelle Vague, die in einem einmütigen Propaganda-Clip aus dem Jahr 1968 das Wort ergreifen. François Truffaut und Jean-Luc Godard rufen die Kinozuschauer auf, den von Kulturminister André Malraux geschassten Mitgründer der Cinémathèque Française, Henri Langlois, mit ihrer Mitgliedschaft zu unterstützen. François Truffaut et Jean-Luc Godard vous parlent ist am Sonnabend im Arsenal in einem von sieben Programmen aus 100 Jahren Filmgeschichte zu sehen, die die Freunde der Deutschen Kinemathek zum 70. Geburtstag ihrer französischen Schwesterninstitution widmen. Anschließend bezeugt die in schönster Cinéma-Direct-Manier gefilmte Retour d'Henri Langlois à Chaillot (dem Sitz der Kinemathek) den Sieg der Protestler und gibt Einblicke in die – auch modische – Selbstinszenierung damaliger Cineasten. Dass die sogenannte „Affaire Langlois“ damals die französische Studentenbewegung ausgelöst haben soll, ist wohl nur in einer cinemanen Nation wie Frankreich vorstellbar. Doch die lebendige filmhistorische Praxis der Cinémathèque war Vorlage für die spätere weltweite Kino-Bewegung, die etwa in Berlin in die Gründung des Arsenal-Kinos mündete.

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