CITY Lights : Brautkleid bleibt Brautkleid

Silvia Hallensleben prüft das Frauenbild russischer Regisseurinnen.

Silvia Hallensleben

Ein einsames Bahnwärterhäuschen, an dem tagtäglich Bummelzüge vorbeirattern. Eine Kuh. Und eine junge Frau, die urplötzlich aus der Zwangsehe in die Freiheit entlassen wird. Beim Moskauer Internationalen Filmfestival hat Vera Storoschevas Reise mit Haustieren den Hauptpreis gewonnen und dann mit fünf Auszeichnungen auf dem Festival des Osteuropäischen Films in Cottbus vor ein paar Wochen noch einmal groß abgeräumt: ein typischer Festivalfilm, der seine Botschaft cinephiler Eitelkeit schmeichelnd in poetische Bilder und einprägsame Metaphern packt. Nun ist „Reise mit Haustieren“ in Berlin auf der Russischen Filmwoche zu begutachten (Sonntag im Arsenal und Mittwoch im Russischen Haus, www.berlin.interfest.su), die in ihrem dritten Jahr eine Nebenspielstätte im Arsenal eröffnet hat. Mit Storoscheva und Kira Muratowas Zwei in Einem (Sonnabend) sollen zwei Regisseurinnen die „starke Präsenz von Frauen in der russischen Filmindustrie“ bezeugen. Doch dass im erstgenannten Film ausgerechnet ein Spiegel, ein Brautkleid und ein Kind als zentrale Ingredienzen der Emanzipation auftauchen, lässt ahnen, dass der Wahn des Ewigweiblichen gerade in Russland auch gestandene Regisseurinnen befallen kann.

Härter zur Sache geht es in Annett Schützes Dokumentarfilm Moskatchka. Die junge Filmemacherin besuchte den gleichnamigen Stadtteil von Riga, ein hauptsächlich von Russen bewohntes Arme-Leute-Viertel, und stellte die Kamera an ausgesuchten Orten in jeweils drei festen Positionen auf. Dann wartete sie auf das, was geschieht. Dreizehn mal drei solch starre Einstellungen zeigt der Film, Szenen, die als Ausschnitte fremden Lebens immer auch die Begrenztheit der gewählten Perspektive miterzählen. Einmal schieben Kinder mit vereinten Kräften ein Autowrack aus dem Bild. Und während sie im Off noch herumkreischen, bleibt der Kamerablick stur auf dem unscharf fokussierten Hintergrund-Restbild der Szene. Immer wieder auch entstehen Beziehungen aus dem gefilmten Raum vor der Kamera zu den filmenden Menschen dahinter: Das Angebot etwa, gegen eine kleine Gegenleistung mitzuspielen und Action zu liefern. Einmal auch wird ein Mann vor der Kamera zusammengeschlagen. Eingreifen wollte das Team auch hier programmgemäß nicht, die Polizei hat man dann aber doch gerufen. Am Freitagabend präsentiert die Akademie der Künste das 2005 entstandene Debüt im Rahmen der „Ergebnispräsentationen der Akademie-Stipendiaten“ in der Black Box am Pariser Platz. Schade nur, dass Arbeiten dieser Art mittlerweile aus Kostengründen oft nur noch auf Video gedreht werden. Das Formbewusstsein von „Moskatchka“ jedenfalls schreit nach Zelluloid.

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