CITY Lights : Bring mir den Kopf von Pola Negri!

Frank Noack findet das komische Leben im tragischen

Frank Noack

Deutscher Humor war noch nie exportfähig, das muss einmal zur Verteidigung unserer Komödienexperten gesagt werden. Was immer man Bully Herbig, Leander Haußmann und Til Schweiger vorwerfen mag: Selbst Karl Valentin ist im Ausland kein Begriff, und Ernst Lubitsch wurde international mit ernsten Ausstattungsfilmen bekannt. Die von ihm inszenierte Ufa-Großproduktion Madame Dubarry (Freitag im Babylon Mitte) endet mit einer schockierenden Porträtaufnahme – dem abgetrennten Kopf von Pola Negri. Davor wird in quälender Genauigkeit das vereiterte Gesicht des Königs Louis XV präsentiert, den Emil Jannings auf anrührende Weise verkörpert. Lubitsch bot Nervenkitzel auf hohem Niveau und lenkte eine begrenzte Zahl von Komparsen so geschickt, dass sie nach mehr aussahen. Die New Yorker Premiere am 12. Dezember 1920 bleibt ein wichtiges Datum in der nationalen Kinematografie: Es markiert den ersten Auslandserfolg des deutschen Films. Lubitsch, Negri und Jannings wurden bald von der Paramount unter Vertrag genommen. Später sprach Lubitsch abfällig über seine frühen Berliner Komödien, als müsse er sich für sie schämen, dabei enthält auch „Madame Dubarry“ urkomische Momente. Gerade weil der Aufstieg der Wäscherin Jeanne zur Mätresse des Königs als Farce inszeniert wird, wirkt ihr grausames Ende entsetzlich. Solch perfekte Balance von Komik und Tragik hat Lubitsch nie wieder erreicht – und seine deutschen Kollegen schon gar nicht.

Ein weiterer Welterfolg des deutschen Stummfilms, Das Wachsfigurenkabinett (Sonnabend im Babylon Mitte), enthält umwerfend komische Passagen, doch das war nicht der Grund für den regen Export. Im Ausland staunte man über die Dekorationen, die Regisseur Paul Leni selbst entworfen hatte. Drei Episoden handeln von Sultan Harun al Raschid, Iwan dem Schrecklichen und Jack the Ripper. In der Sultan-Episode taumelt ein kugelrund ausstaffierter Emil Jannings durch kugelrunde Räume und ergötzt sich an den Rundungen einer schönen Bäckersfrau. Die Iwan-Episode wird von eckigen Motiven und Conrad Veidts eckigen Bewegungen dominiert und inspirierte Sergej Eisenstein zu seinem Iwan-Epos. Paul Leni war kein begnadeter Erzähler; die Episode um Jack the Ripper wirkt seltsam unvollkommen, als Ausstattungsorgie aber hat der 1924 uraufgeführte Film Maßstäbe gesetzt.

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