CITY Lights : Der blaue Hirsch

Silvia Hallensleben

Fast ein Jahr ist es jetzt her, dass Programmstruktur und Organisationsform des Arsenal grundsätzlich überarbeitet wurden. Fast unverändert blieb beim Relaunch allerdings das Konzept der Magical History Tour. Seit Jahrzehnten durchlief der täglich programmierte filmhistorische Dauerlauf in leicht variierten Jahreskreisen die Filmgeschichte von Lumière bis Sokurov oder – so dieses Jahr – dem chinesischen Kino der Fast-Gegenwart.

Ab heute ist auch das anders: An Stelle der mehr oder weniger chronologischen Durchläufe tritt eine Programmierung in Cluster, die sich um thematische Schwerpunkte gruppieren. Das gibt mehr kuratorische Freiheit und erlaubt es, gezielt Beziehungen zwischen Genres, Stilrichtungen oder auch Einzelfilmen herauszustellen. Bevor später Themen wie „Montage“ oder „Körper“ umzingelt werden sollen, eröffnet die neue Tour heute mit einem Programm zum Komplex „Farbe“, das Christine Noll Brinckmanns Kurzfilm Die Urszene (1981) mit Douglas Sirks All that Heaven Allows verbindet. Ähnlich wie das überlegt fliederfarbene oder rote Jackett der Kanzlerin kommt auch im Kino kein Requisit auf die Leinwand, das nicht speziell auch nach seiner farblichen Aussagekraft bedacht wurde. Während Noll Brinckmann mit der Viragierung auf eine der frühesten Färbungstechniken zurückgreift, realisierte Sirk die popknalligen Neue-Welt-Farben seines Melodrams in Kombination des damals neuen Eastman-Color-Materials mit Weiterverarbeitung in Technicolor. Dienstag lässt sich dann an Todd Haynes’ Sirk-Hommage Far from Heaven (2002) studieren, welchen Einfluss die Tricks digitaler Bildbearbeitung auf glühendes Herbstlaub und 50er-Jahre-Retro-Kitsch nehmen. Mit dem Kinderfilm The Wizard of Oz (Sonntag) und der Sondervorführung einer frisch restaurierten Kopie von Michael Powells und Emeric Pressburgers Tanzklassiker The Red Shoes erweitern Programme jenseits der History Tour den Schwerpunkt um farbfilmhistorische Glanzlichter.

Der Blick durch ein riesiges Fenster auf eine Winterlandschaft mit Hirsch, mit dem Sirks Film endet, sieht aus wie eine hintergrundbeleuchtete Fototapete. In Farbgebung und der paradoxen Wirkung als flächiger Raumöffner erinnert sie an das Bühnenbild mit der stilisierten Silhouette eines Baums, das in François Truffauts Die letzte Metro den einzigen Ausblick gibt auf eine Welt jenseits höhliger Innenräume und luftschutzverdunkelter Gassen. Truffauts Film über ein Pariser Theater der Besatzungszeit, der diese Woche im Rahmen der Cinéfête in verschiedenen Berliner Kinos in OmU-Fassung zu sehen ist, bietet vergnüglicherweise auch einige Querverweise und Referenzen zu Tarantinos aktuellen „Inglorious Basterds“. Auch hier dienen Theaterhinterräume anti-nazistischen Aktivitäten, auch hier ist es eine faszinierende Frau, die ihren Betrieb geschickt durch die Besatzungszeiten steuert um Konzession und Selbstrespekt zu behalten. Farblich werden die vielen gedeckten Töne durch rote Akzente gebrochen, ein paar Nazifahnen zu Anfang darunter. Doch am Ende bleibt in der Erinnerung die glamourös schillernde Bühnengarderobe der bleichen Catherine Deneuve.

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