CITY Lights : Der Blick des Architekten

Frank Noack rühmt die oft verkannten Set-Baumeister

Frank Noack

Wenn ein Film durch starke Bildsprache beeindruckt, geht das Lob in der Regel an den Regisseur – der Kameramann findet allenfalls Erwähnung als technischer Erfüllungsgehilfe. Unerwähnt bleibt fast immer der Production Designer, was damit zusammenhängt, dass nicht jeder Film sich einen leistet. Der Begriff wurde von William Cameron Menzies geprägt, nach dessen Zeichnungen „Vom Winde verweht“ entstand. Jede Kameraeinstellung orientierte sich farblich und in der Kadrierung an Menzies Vorlagen, so dass der Film trotz seiner ständig ausgewechselten Regisseure und Kameraleute einen einheitlichen Stil hatte. Auch der visuelle Stil von „There Will Be Blood“ dürfte weniger auf den Regisseur als auf den Production Designer zurückzuführen sein: Jack Fisk war bei Terrence Malick etwa für „Badlands“ und auch für David Lynchs „The Straight Story“ verantwortlich, Filme mit ähnlich kargen und zugleich majestätischen Landschaften.

Die Bedeutung solcher Künstler zeigt sich oft erst, wenn ihnen eine Ausstellung oder ein Bildband gewidmet wird. In den zwanziger Jahren dagegen tobten sich regelrechte Star-Architekten hemmungslos aus, die auch für die Lichtsetzung zuständig waren. Auf Walter Reimann („Das Cabinet des Dr. Caligari“) wurde Algol. Eine Tragödie der Macht zugeschnitten (Freitag und Sonnabend, Babylon Mitte). Das von der Faust-Legende inspirierte Science-Fiction-Drama eines Bergmannes (Emil Jannings), der Kraftstrahlen vom Stern Algol als Stromquelle entdeckt, diente als Vorwand für bizarre Dekorationen, die ihre eigene Künstlichkeit ausstellen. Wenn eine Maschine nach Pappe aussieht, dann sollte das auch so sein.

Reimann wollte sogar Filmmaler genannt werden – vielleicht der Grund, warum die ganz großen Regisseure einen Bogen um ihn machten. Fritz Lang etwa war von Architektur besessen, aber bei ihm mussten Maschinen echt aussehen, selbst bei einer so hanebüchenen Kolportage wie Die Frau im Mond (Montag, Babylon Mitte). Rudolf Arnheim nannte Langs Filme „Parvenus: zu Geld gekommene Hintertreppenromane“, und es ist in der Tat lachhaft, mit welch wissenschaftlichem Ernst ein Eifersuchtsdrama auf dem Mond inszeniert wurde, ohne Schwerkraft- oder Sauerstoffprobleme. Und doch ist es faszinierend. Otto Hunte, Erbauer der „Metropolis“-Stadt, war auch hier Langs Architekt. Und seine Maschinen sind keineswegs von Pappe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben