CITY Lights : Der Charme der Stadt

Frank Noack sucht das Märkische Viertel

Frank Noack

Seit Hitlers Ernennung zum Reichskanzler waren zwei Monate vergangen, als sich im Berliner Capitol eine erstaunliche Filmpremiere ereignete. Robert Siodmak hatte im Auftrag der Produzenten Joe Pasternak und Paul Kohner eine Novelle von Stefan Zweig adaptiert; alle vier waren Juden. Das größte Wagnis war allerdings der Titel: Er lautete Brennendes Geheimnis, eine ungeheuerliche Provokation so kurz nach dem Reichstagsbrand (Mittwoch in den Eva-Lichtspielen). Dass der Film bald aus dem Programm genommen wurde, lag auch am Stoff. Willi Forst versucht mit Wiener Charme, eine verheiratete Frau zu verführen, und das vor den Augen eines Jungen, der ihn bewundert. So viel Abgründigkeit hinter der Fassade eines gepflegten Kurortes musste im NS-Staat auf Ablehnung stoßen.

Als herausragender Handwerker konnte sich Siodmak im Exil besser zurechtfinden als die meisten Kollegen. 1944 erhielt er in Hollywood den Auftrag, Maria Montez durch eine Doppelrolle zu führen, obwohl sie schon mit einer Rolle überfordert war. In Die Schlangenpriesterin verkörpert sie eine gute und eine böse Schwester (Freitag und Dienstag im Arsenal). Schwer zu sagen, was mehr Freude bereitet: die schrillen Technicolor-Exzesse oder der starke Akzent der mexikanischen Hauptdarstellerin, die ein sehr hollywoodmäßiges Ende gefunden hat: Beim Versuch, mit heißen Bädern ein paar Pfunde loszuwerden, ist die 31-jährige Diva an Herzversagen gestorben.

Wenn man die Talente aufzählt, die das Weimarer Kino hervorgebracht hat, müsste man auch Alfred Hitchcock erwähnen. Als der 1924 nach Berlin kam, interessierten ihn nicht die üblichen Sehenswürdigkeiten, sondern die Ufa-Studios, wo er Friedrich Wilhelm Murnau bei der Arbeit zusah. Seine bevorzugten Themen hatte er längst im Kopf, und die waren durch die britische Kultur geprägt; die Filmsprache erlernte er in Berlin. Für sein Regiedebüt fuhr er dann nach München weiter, wo Irrgarten der Leidenschaft entstand (Sonntag im Arsenal). Darin geht es um die Erlebnisse zweier Revuegirls, man erkennt Hitchcocks Interesse an der Konstruktion von Weiblichkeit.

Berlin ist immer auch eine Hauptstadt des sozialkritischen Films gewesen, und in den Siebzigern interessierten sich engagierte Filmemacher besonders für das Märkische Viertel. Nirgendwo anders wirkte der moderne Mensch so verlassen wie hier. Max Willutzkis Mietersolidarität und Der lange Jammer handeln von Bürgerinitiativen gegen Mieterhöhungen (Samstag im Zeughauskino). Obwohl sich rein äußerlich nicht viel verändert hat, ist das Märkische Viertel als Drehort irrelevant geworden: zu wenig glamourös für die einen, zu wenig deprimierend für die anderen. Der Anblick von Hochhäusern hat seinen Schrecken verloren.

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