City-Lights : Deutschlands erster Superstar

Frank Noack erinnert an ein wichtiges Jubiläum – und an Außenseiter.

Frank Noack

1995 ist mit großem Aufwand der 100. Geburtstag des Kinos gefeiert worden. In diesem Jahr ist ein runder Geburtstag zu verzeichnen, der eine ähnlich hohe Aufmerksamkeit verdient – der 100. Geburtstag des Filmstars. Bei den Berühmtheiten, die vor 1910 auf der Leinwand zu sehen waren, handelte es sich um Monarchen und Politiker, Sportler und Theatergrößen. Erst 1910 kam der Hollywood Produzent Carl Laemmle auf die Idee, Publicity für seine Darstellerin Florence Lawrence zu betreiben. Gleichzeitig begann Henny Porten ihre Karriere im deutschen Stummfilm, und sie war im Gegensatz zu Florence Lawrence keine Eintagsfliege. Innerhalb weniger Jahre wurde sie zu einer nationalen Institution.

Auch Luise, Königin von Preußen (1931) ist ein Film mit und von Henny Porten; ihre Gesellschaft hat ihn produziert, Autoren und Regisseure folgten ihren Anweisungen. Als Partner wählte sie den noch unbekannten Gustaf Gründgens (Mittwoch, Eva-Lichtspiele). Ihre Weigerung, sich von ihrem jüdischen Ehemann zu trennen, brachte sie während des Nationalsozialismus auf eine Art graue Liste. Sie war zu populär, um direkt angegriffen und beruflich kaltgestellt zu werden, musste aber lange Auszeiten hinnehmen. Gegen Ende des Krieges hielt Joseph Goebbels scheinheilig in seinem Tagebuch fest: „Der Führer bedauert sehr, dass Henny Porten durch ihre Ehe mit einem Juden außerhalb unser Reihen steht. Er verehrt sie sehr.“

Es hat garantiert mit der Weltwirtschaftskrise zu tun, dass um 1930 plötzlich Kritik am „Starunwesen“ einsetzte. Filmemacher arbeiteten mit Laien und hatten Erfolg damit. Gelegentlich glückte auch eine Verbindung von Starkino mit Realismus: Jean Renoirs Zola-Adaption Bestie Mensch (1938) ist ein Klassiker des Eisenbahnerfilms; die Detailversessenheit, mit der Alltag und Arbeitsbedingungen eingefangen wurden, sucht ihresgleichen (Dienstag im Arsenal). Mit Jean Gabin stand Renoir ein Star aus dem Volk zur Verfügung, dem man das Kohleschippen ebenso abnahm wie die intensiven Liebesszenen mit Simone Simon.

Selbst für engagierte Filmemacher war Arbeitsmigration lange Zeit kein Thema. Die Reihe Migrantische Selbstbilder im Zeughauskino erinnert daran, wie spät afrikanische Arbeiter im französischen und türkische Arbeiter im westdeutschen Film sichtbar wurden. Eine Pionierleistung erbrachte Ousmane Sembène mit Black Girl (1966), der die Erlebnisse einer Senegalesin schildert, die von einem scheinbar liberalen französischen Ehepaar als Haussklavin gehalten wird (Freitag). In Vergessenheit geraten ist die Abwanderung von rund zwei Millionen spanischen Billigarbeitern nach Westeuropa: Ainhoa Montoya Artebaros Dokumentarfilm Die vergessene Generation konzentriert sich auf Arbeitsmigranten, die es nach Hamburg verschlagen hat (Sonntag). Lange vor Fatih Akins „Gegen die Wand“ handelte Gölge – Zukunft der Liebe (1980) von einer jungen Türkin, die in Berlin-Kreuzberg für ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung kämpft (Sonnabend und Sonntag). Zu den großen Überraschungserfolgen gehörte Mehdi Charefs Tee im Harem des Archimedes (1985): Der ehemalige Scherenschleifer hatte seinen Roman über das Leben in den Pariser für die Leinwand adaptiert (Sonnabend und Mittwoch). Charef gewann einen César für das beste Erstlingswerk, konnte den Preis aber beinahe nicht persönlich annehmen. Der Türsteher wollte ihn nicht in den Saal lassen, weil ihm sein „uneuropäisches“ Aussehen missfiel.

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