CITY Lights : Die große Depression

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Ein Bürgermeister als filmhistorischer Experte jenseits von rotem Teppich und lokalpolitischen Ambitionen? Als Fantasie nicht schlecht: Wowi interpetiert Yasujiro Ozus Spätwerk und Buschkowsky referiert über John Woo und ästhetische Moral. Der Bürgermeister Markus Raab ist allerdings kein Regierender, sondern im schwäbischen Esslingen unter anderem für Kultur, Ordnung und Soziales zuständig. Da ist Sam Peckinpahs The Wild Bunch gar nicht so weit entfernt, der Film, den der promovierte Philologe am Ostersonntag im Eiszeit-Kino vorstellen wird. Schließlich geht es hier – zumindest vordergründig – um marodierendes Bandenunwesen und Kriminalität. Dennoch ist der Abend mit dem CDU-Mann eine bemerkenswerte Konstellation: Hätte man im Kreuzberger Traditionskino nicht eher Ströbele zum cineastischen Rapport erwartet? Und müsste andererseits für Christen die Vorführung von Peckinpahs Spätwestern ausgerechnet am Auferstehungstag nicht ein himmelschreiendes Sakrileg bedeuten? Denn auch wenn die bei Peckinpahs opus magnum scheinbar unausweichliche Gewaltfrage an dieser Stelle kurzerhand als nicht sachdienlich ausgeblendet werden soll: Es dürfte wohl niemand behaupten, dass sich Peckinpahs illusionsloser Abgesang auf ein Genre auf irgendeiner Interpretationsebene als Frohe Botschaft verstehen ließe. Auf Raabs Erläuterungen darf man also gespannt sein. Und diskutieren lässt sich allemal darüber, ob der Film nun moderne-/kapitalismuskritisch oder existenzphilosophisch zu lesen sei, wobei der christdemokratische Hintergrund des Referenten wohl am ehesten in kulturpessimistische Richtung weist.

Abgesangsstimmung auch in den Buddenbrooks, die 1959 in der Spätphase bundesdeutschen Wiederaufbaus das Licht der Leinwand erblickten. Während Peckinpah den Civil War aus der Perspektive des Vietnamkriegs aggressiv neu deutet, zeichnen Regisseur Alfred Weidemann und Kameramann Friedl Behn-Grund die Grausamkeiten spätbürgerlicher natürlich-ökonomischer Auslese in mildem Licht. Das entspricht dem sanft ironischen Ton der Romanvorlage, auch wenn die Drehbuchautoren Harald Braun, Jacob Geis und Erika Mann die ausladende historische Perspektive aus dem Plot gekappt haben und sentimentale Verwicklungen in den Vordergrund rücken. „Buddenbrooks“ ist (Teil 1 So und Di, Teil 2 So und Mi) im Rahmen einer Nadja-TillerHommage im Zeughaus-Kino zu sehen, die hier – da war sie schon als „Mädchen Rosemarie“ berühmt – allerdings nicht viel mehr als die nüchterne Gegenfolie zu Liselotte Pulvers neckisch aufgedrehter Tony geben darf.

Die Familie Sternwood mit ihren beiden ungebärdigen Töchtern kann es an Weitläufigkeit und Geschichte mit den Buddenbrooks nicht aufnehmen, an Reichtum und Dekadenz durchaus. Die geschäftlichen Verbindungen der Sternwoods sind allerdings eher unfreiwilliger Natur, doch ähnlich wie in Lübeck und Südtexas auf unsicheren Allianzen, Verrat und Korruption gebaut. Humphrey Bogart und Lauren Bacall waren (ähnlich wie Nadja Tiller und Walter Giller in Deutschland eine Dekade später) gerade frisch als Traumpaar des amerikanischen Kinos gekürt, seit sie auf dem Set für Hawks „To Have and Have Not“ füreinander entflammten. Die Raymond-Chandler-Verfilmung The Big Sleep (Sa und So im Lichtblick) nur zwei Jahre später war als Nachfolge-Starvehikel für das Paar konzipiert. Dass das Projekt gelang, war nicht nur der Magie des erotischen Augenblicks und der Präsenz der Hauptdarstellerin geschuldet, sondern auch der einzigartigen Musikalität von Buch, Regie und Darstellerteam, die auch die banalsten Dialoge – ganz unhanseatisch – mit funkelndem Swing zum Klingen bringt. „Das putzt ganz ungemein“, wie Herr Grünlich sagt.

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