CITY Lights : Die große Illusion

Frank Noack prüft den Lebenswandel von Leuten, die Kinohelden spielen

Frank Noack

In drei Filmen durfte Tom Cruise als Special Agent Ethan Hunt die Welt retten, und niemand fand das anstößig. Jetzt will er nur Adolf Hitler töten, und der Fall wird zum Politikum. Zugegeben, „Mission: Impossible“ war gehobenes Popcorn-Kino, während „Valkyrie“ sich mit gewichtiger deutscher Geschichte befasst, da mögen andere Maßstäbe gelten. Aber wo zieht man die Grenze? Wann ist ein Stoff so heilig, dass die Darsteller auch biografisch eine saubere Weste vorweisen müssen? Patriotische US-Bürger haben kein Problem damit, dass John Wayne, Held zahlreicher Kriegsfilme, sich im wahren Leben vor dem Militärdienst gedrückt hat. Eine Mutter der Nation, die selbst keine Kinder hat; ein TV-Kommissar, der mit Kokain erwischt wird – das sind Details, über die man schmunzelt, statt sich zu empören.

Geht es in einem Film aber um den Nationalsozialismus, verschärft sich der Ton erheblich. Für die Aufregung um Tom Cruise gibt es einen Präzedenzfall: Vanessa Redgrave verkörperte 1980 in dem Fernsehfilm „Spiel auf Zeit“ Fania Fenelon, die zum Frauenorchester von Auschwitz gehörte. Gegen diese Besetzung protestierte die echte Fania Fenelon, da Redgrave für ihre propalästinensische Haltung bekannt war. Die herausragende Qualität des filmischen Ergebnisses ließ alle Einwände vergessen.

Im Gegensatz zu Vanessa Redgrave vertritt Tom Cruise nicht einmal eine klare politische Haltung, und die Gleichsetzung von Scientology mit Faschismus ist wenig geeignet, über die Gefahren der „Cruise-Travolta-Sekte“ aufzuklären. Und: Waren die bisherigen Stauffenberg-Interpreten denn geeigneter als er – sozusagen lupenrein im Leben und im Spielen? Hollywoods erster Stauffenberg, Brad Davis, war infolge seiner Heroinsucht HIV-positiv, als ihm die Rolle anvertraut wurde. Die letzten Stauffenberg-Darsteller, Sebastian Koch und Harald Schrott, hatten vorher RAF-Terroristen gespielt. Und Wolfgang Preiss, Star des Dokudramas Der 20. Juli (1955), war dem Publikum noch als Offizier aus NS-Propagandafilmen bekannt (Freitag im Zeughauskino). Dieser erste Film zum Thema profitiert von der Mitarbeit unverdächtiger Zeitzeugen: Regisseur Falk Harnack und Drehbuchautor Günther Weisenborn gehörten zum Widerstand; Produzent Artur Brauner war Holocaust-Überlebender. Dass die Hauptrollen von ehemaligen Mitläufern übernommen wurden, sollte man nicht anstößig finden, schließlich waren die Attentäter selbst lange Zeit Mitläufer.

Während von Heldendarstellern erwartet wird, dass sie auch privat anständig leben, muss der Darsteller eines Schurken oder Außenseiters zwecks höherer Glaubwürdigkeit nicht unbedingt auf die schiefe Bahn geraten. Manche tun es trotzdem. Als der 57-jährige Michelangelo Antonioni mit Zabriskie Point (1969) seinen Beitrag zur jugendlichen Protestkultur leistete, interessierten ihn die optischen Reize des Death Valley mehr als die von Polizei- und Konsumterror angeödeten Menschen (Sonnabend im Zeughauskino). Die Hauptrollen besetzte er mit gut aussehenden, hölzern agierenden Laien, wobei Mark Frechette nicht nur als Schauspieler ein Amateur war – er war es auch als Bankräuber. Zu einer 15-jährigen Haftstrafe verurteilt, verunglückte er 1975 beim Hanteltraining. Wenigstens kann ihm keiner vorwerfen, er habe sich vom System korrumpieren lassen.

Beängstigend echt wirkte auch Richy Müller, als er sich in Marianne Lüdckes Die große Flatter (1979) erstmals dem breiten Publikum präsentierte (Montag und Mittwoch im Arsenal). Er verkörperte einen wilden jungen Mann, der in einer Obdachlosensiedlung lebt. Wo hat die Regisseurin ihn aufgetrieben? In einer Strafanstalt? Fehlanzeige, Müller war gelernter Werkzeugmacher. Und kriminell ist er auch nicht geworden. Man muss eben nicht sein, was man spielt. Man muss nur die Illusion erzeugen.

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