CITY Lights : Die Masse macht’s

Silvia Hallensleben findet das Breitwandglück im Advent

Silvia Hallensleben

Sein 100. Geburtstag wird erst nächstes Jahr richtig gefeiert. Doch weil seine opulenten Epen so gut in die glitzernde Vorweihnachtszeit passen, hat das Arsenal seine David-Lean-Würdigung kurzerhand um einige Monate vorgezogen. Bis Ende Dezember stehen mit Leans fünf letzten Filmen genau jene auf dem Programm, die am innigsten mit dem Namen des Briten verknüpft sind. Bereits gestern wurde dort Doctor Zhivago (1965) gezeigt – wer den Film verpasst hat, dessen düstere Straßenszenen bis heute das Russlandbild vieler älterer Amerikaner prägen, merke sich die Wiederholungsvorstellung am ersten Weihnachtsfeiertag vor. Ein paar Jahre später traf sich das Team, das vor Schiwago schon „Lawrence von Arabien“ angerichtet hatte, in Irland, um die spektakuläre Erfolgsserie fortzusetzen. Drei Jahre wurde gedreht. Und die Kontinuitäten sind unübersehbar: Auch Ryan’s Daughter erzählt von einem Ehebruch, der von der gehörnten Partei stillschweigend toleriert wird. Auch dieser Film ist vor revolutionärem, historischem Hintergrund, dem irischen Bürgerkrieg angesiedelt, mit auch heute noch überwältigenden Landschaftstotalen. Auch hier sind die Menschen – bis auf die wenigen differenzierter geschilderten Haupthelden – ebenso schwarzgrau geraten wie ihre verräucherten Hütten und bewegen sich mit Vorliebe in Herdenform voran. Und wie bei Schiwago drängt sich Maurice Jarres Musik bei gefühlsbetonteren Stellen penetrant in den Vordergrund. Die Kritik goutierte Leans Arbeiten nicht besonders – doch bei „Ryan’s Daughter“ blieb auch das Publikum aus, obwohl Robert Mitchum als verträumter Dorfschullehrer glänzt und Sarah Miles (als seine wesentlich jüngere Ehefrau) Julie Christie an schauspielerischem Können weit überragt. Vielleicht war der Plot im Verhältnis zur aufwendigen Inszenierung auch zu unspektakulär. Leans größte Schwäche ist der Hang zu schlecht choreografierten Massenszenen und einer Metaphorik, die etwa den menschlichen Sexualakt in schwebenden Pflanzenteilen symbolisiert.

Handfest sozialrealistisch geht es in den meisten Filmen zu, die ab heute im Filmkunst 66 und im Babylon Mitte unter dem Titel Cinema Italia aktuelle Kinohits aus dem Mittelmeerland versammeln. „Apnea“ von Roberto Dordit ist ein Thriller um einen Arbeitsunfall in einer Gerberei, Alessandro Angelinis „L’aria salata“ erzählt eine sozial geerdete römische Familiengeschichte. Und in Sergio Rubinis „La terra“ geht es um brüderliche Bande und verbrecherische Geschäfte, diesmal in Apulien. Wem das in der Adventszeit zu viel der schnöden Gegenwart ist, dem sei Paolo Virzis „N“ empfohlen: schöne Kostüme, schöne Frauen, große Geschichte (um Napoleon auf Elba). Als wär’s ein Stück von David Lean.

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