CITY Lights : Diven der Subkultur

Sybille Schmitz, eine herbe Schönheit mit breiten Schultern, war der Star einer schwer fassbaren Subkultur.

Frank Noack

Eine alternde, drogensüchtige Diva, die am Osterwochenende 1955 eine Überdosis Schlaftabletten mit Cognac herunterspült. Eine Ärztin, die sie mit Medikamenten versorgt und bei sich wohnen lässt – und die ausgerechnet an jenem verhängnisvollen Tag verreist ist. Gerüchte um ein lesbisches Abhängigkeitsverhältnis. Doch die Aufregung, die in der jungen Bundesrepublik darum entstand, verflog schnell. Die Ärztin wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, und die tote Diva, Sybille Schmitz, geriet in Vergessenheit. Ihr tragisches Ende inspirierte Rainer Werner Fassbinder zu seinem vorletzten Film „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1982), und ihr Biograf Friedemann Beyer („Schöner als der Tod“, 1998) machte sogar eine Zeitzeugin ausfindig, die offen über ihre Liebesbeziehung zu der mal witzigen, mal jähzornigen Künstlerin sprach.

Sybille Schmitz, eine herbe Schönheit mit breiten Schultern, war der Star einer schwer fassbaren Subkultur. Auf der Leinwand lauteten ihre ersten Worte: „Ach könnt'' ich doch sterben!“ Carl Theodor Dreyer gab ihr in seinem Horrorfilm Vampyr (1930-32) die Rolle einer jungen Frau, die an einer geheimnisvollen Krankheit leidet (Sonntag im Babylon Mitte). Dreyer arbeitete bevorzugt mit Laien, aber für eine Großaufnahme brauchte er eine professionelle Kraft: Léone, die Tochter des Schlossherrn, sitzt apathisch im Sessel, und plötzlich entblößt sie grinsend ihr Gebiss. Dieser Übergang verlangte Subtilität, um nicht unfreiwillig komisch zu wirken, und Sybille Schmitz erwies sich der Aufgabe als gewachsen.

Ein ähnlicher Fremdkörper im deutschen Film war Brigitte Horney. Die Tochter der emigrierten Psychoanalytikerin Karen Horney gehörte zum engsten Freundeskreis um den Schauspieler Joachim Gottschalk und dessen jüdische Ehefrau; 1943 setzte sie sich in die Schweiz ab. Ihre Rollen betonten ihren Außenseiterstatus. In dem Historiendrama Der Katzensteg (1937), nach dem Roman von Hermann Sudermann, unterstützt sie einen polnischen Leutnant im Kampf gegen die französischen Besatzer (Dienstag in der Urania). Mit ihrer Abenteuerlust, ihrer zerrissenen Kleidung und dem ungekämmten Haar weckte sie Assoziationen an die verfolgten Roma und Sinti; deshalb und wegen seiner pro-polnischen Tendenz wurde der Film bald wieder aus dem Verkehr gezogen.

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