CITY Lights : Du hast den Farbfilm vergessen!

Silvia Hallensleben freut sich auf ein Berlinale-Nachspiel mit Buñuel.

Silvia Hallensleben

Es ist fast schon Tradition, dass die Berlinale im Lichtblick-Kino ein feines Nachleben hat. Letztes Jahr wurde dort die Arthur-Penn-Hommage um ein paar Wochen verlängert. Diesmal können Buñuel-Adepten, die während der turbulenten Tage nicht in die Retrospektive gefunden habe, Filme noch bis in den März nachsichten – ergänzt durch einige Termine im Spätprogramm des Moviemento. Leider ist von den Raritäten aus dem mexikanischen Exil nichts dabei, aber mit Das Gespenst der Freiheit (alle Tage außer Freitag) und Der diskrete Charme der Bourgeoisie (Sonnabend und Sonntag) zwei Filme der klassischen Periode, die wegen fehlender Lizenzrechte jahrelang nicht in deutschen Kinos zu sehen waren – in frischen, deutsch untertitelten Kopien. Und Tristana (1970), diese Catherine Deneuve wie auf den Leib geschneiderte Rachegeschichte, die zur identifikatorischen Einfühlung gar nicht taugt. Die Verfasserin hatte ihn – damals moralisch schwer beeindruckt – im Fernsehen gesehen, noch zu Schwarz-Weiß-Zeiten. Doch „Tristana“ ist in Farbe! Und so wurde beim Wiedersehen aus dem erinnerten düsteren Drama ein Filmwunder, das – neben dem Spiel von Deneuve und Fernando Rey – vor allem durch die strahlende Eleganz der Inszenierung besticht. Kameramann José Aguayo und seine Beleuchter inszenieren das Toledo der Zwanzigerjahre ohne die heute übliche Ausstattungs- und Kunstlichtsattheit und setzen traumhafte Farbtupfer und raffinierte Akzente (Montag und Mittwoch im Lichtblick, deutsche Fassung).

Wer die Schweiz kennt, kennt Migros, die marktbeherrschende Einzelhandelskette, die vom Appenzeller bis zu Unterwäsche alles außer Alkohol und Tabakwaren bietet. Nicht jeder wird wissen, dass die 1925 mit ein paar Auslieferungswagen gegründete Migros seit 1941 als Genossenschaft wirtschaftet. Veranlasst wurde dies vom Gründer Gottlieb Duttweiler selbst, der ein kräftig sozial angehauchtes Verständnis von Unternehmertum hatte. Der Philanthrop „Dutti“ Duttweiler, ein echter Tausendsassa, der auch viele Werbeanzeigen selbst verfasste und sich auch als Kulturmäzen, Autor und Politiker hervortat, war in der Schweiz schon vor seinem Tod 1962 eine mythische Gestalt. Martin Witz’ archivgesättigter Dokumentarfilm führt mitten ins Herz unseres oft rätselhaften Nachbarlandes: Dutti, der Riese ist am Sonnabend (mit einer Einführung von Connie Betz) im Zeughaus in einer Reihe zu sehen, die sich dem vielfältigen Schweizer Kinoschaffen der letzten Jahre widmet und morgen mit einem Kurzfilmprogramm eröffnet wird.

Mit dabei ist Thomas Imbachs letztjähriger Forums-Beitrag Lenz (Sonntag), der geradewegs in die klirrende Kälte am Matterhorn führt. Wer es noch kälter will, begebe sich ins Arsenal, das die Ausstellung „True North: Bilder aus Eis und Schnee“ der Deutschen Guggenheim begleitet. Wobei der Norden auch mal metaphorisch gemeint ist – etwa im 81-minütigen Film des Kameramanns Frank Hurley (South – Sir Ernest Shackleton's Glorious Epic of the Antarctic, heute Abend mit Klavierbegleitung von Eunice Martins), der 1914 den Polarforscher Shackleton bei seiner zweiten versuchten Antarktis-Durchquerung begleitete. Als Shackletons Schiff im Oktober 1915 im Packeis versank, gelang es ihm, sein Material aus der eisigen See zu retten. Dass für den späteren Kinoerfolg nachgedreht werden musste, versteht sich von selbst.

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