CITY Lights : Gute Witwen, böse Witwen

Frank Noack stöbert im verstreuten Nachlass der Klassiker

Frank Noack

Die Witwen berühmter Männer sind nicht zu beneiden. Werden sie als Nachlassverwalterinnen aktiv, wirft man ihnen Eigennutz vor. Ob Cosima Wagner, Alma Mahler-Werfel, Yoko Ono, Brigitte Seebacher-Brandt oder Juliane Lorenz – stets fürchtet man, sie könnten wichtige Dokumente unterschlagen und die Interessen des Verstorbenen verraten.

Für die Forschung sind solche Witwen allerdings allemal erfreulicher als solche wie Gussy Holl, die gar nichts für das Andenken ihres Gatten getan hat. Gussy Holl war mit Emil Jannings verheiratet, und als sie nach seinem Tod das gemeinsame Gut am Wolfgangsee verkaufte, überließ sie fast alles der Müllabfuhr. Immerhin hat sie die Oscar-Statuette mitgenommen, die ihm 1929 zuerkannt wurde. Übte sie späte Rache? Einen Grund hatte sie: Während des Ersten Weltkriegs war sie eine gefeierte Diseuse; Kurt Tucholsky wurde aus Liebe zu ihr zum Chansontexter. Doch ab 1923 war sie nur noch Jannings’ Ehefrau, Köchin und Dolmetscherin. Der Nachlass ist in alle Winde verstreut, wertvolle Erinnerungsstücke tauchen nur durch Zufall auf. Unlängst gelangte die Deutsche Kinemathek in den Besitz eines Gästebuchs, das Tucholsky Jannings vor dessen Abreise nach Hollywood geschenkt hatte. Das Gästebuch des „Ämil“ Jannings wird am Mittwoch um 19 Uhr im Filmmuseum vorgestellt. Berühmte Freunde wie Greta Garbo und Ernst Lubitsch hatten sich dort eingetragen. Jannings war auch ein leidenschaftlicher Briefeschreiber. Sein Neffe, der Synchronregisseur Jörg Jannings, wird aus ihnen vorlesen.

Wie ein Promi-Gästebuch liest sich auch der Vorspann von David Leans Evergreen Doktor Schiwago (Mittwoch im Arsenal): der Ägypter Omar Sharif als russischer Arzt, die Britin Julie Christie mit anachronistischer Swinging-Sixties-Frisur als seine große Liebe Lara, in Nebenrollen altgediente Shakespeare-Interpreten, New Yorker Method-Schauspieler und Klaus Kinski. Das zaristische Russland in seinen letzten Zügen wurde in Madrid nachgebaut, mit Kunstschnee. Nie wieder hat man Schnee in so vielen farblichen Abstufungen gesehen! Überhaupt, die fanatische Sorgfalt: Allein das Blumenbeet vor Schiwagos Haus raubt den Atem – gelbe Narzisse, so weit das Auge reicht. Nicht digital erzeugt, sondern von Menschenhand gepflanzt.

Kontrast gefällig? Einen Klassiker des Neorealismus drehte Vittorio de Sica mit Schuhputzer (Sonntag im Babylon Mitte), der 1946 die Weltöffentlichkeit schockierte. Zwei Straßenjungen versuchen ihr Glück auf dem Schwarzmarkt, landen im Jugendgefängnis und verlieren das Einzige, was ihnen noch geblieben war: ihre Freundschaft. Noch trostloser ist die Stimmung in Helmut Dziubas Jugenddrama Jana und Jan (Dienstag im Babylon Mitte, Regisseur und Darsteller anwesend), das im Sommer 1991 gedreht wurde und noch weniger Erfolg hatte als die anderen tristen Wendefilme. Erzählt wird von einer Liebe unter Heimkindern, an deren Beginn eine Wette steht. Solch ein kalter, düsterer Film hatte keine Chance gegen „Manta, Manta“, als Zeitdokument aber wird er überdauern. Dziuba hat mutig und konsequent am Publikumsgeschmack vorbeiproduziert.

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