CITY Lights : Jenseits von Hollywood

Silvia Hallensleben sucht nach Formen der Erinnerung an die Shoa

Silvia Hallensleben

Ein runde Jahreszahl steht diesmal nicht an. Es ist das ganz normale Verstreichen der Zeit, das die Verbrechen der Shoah sechzig Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager auf die Tagesordnung holt: Bereits jetzt gibt es nur noch wenige, die Zeugnis ablegen können von dem, was geschah, bald schon wird kein Opfer mehr leben – eine neue Herausforderung für unseren Umgang mit dem Völkermord. Im deutschen MainstreamGroßkino ist die Nazizeit längst zum nationalen Alleinstellungsmerkmal mit Oscar-Ambitionen herabgesunken. Doch gibt es auch Filmemacher, die ernsthaft ringen und versuchen, eine Form von Gedenken zu finden, die der historischen Einzigartigkeit der Shoa angemessen ist.

„Shoah im Widerstreit“ nennt sich eine Reihe im Zeughauskino des Deutschen Historischen Museums, die einige filmische Antworten auf diese Frage sammelt, auch ohne aktuellen Anlass und Aufgeregtheiten. Bis Mitte Juli werden so unterschiedliche Filme wie Claude Lanzmanns Shoah oder Schindlers Liste von Steven Spielberg gezeigt; am Mittwoch gibt es Alain Resnais’ Nacht und Nebel – den Film, der für unzählige junge Nachkriegsdeutsche die Bilder der Erinnerung an das Ungeheuerliche vorgelegt hat. Der gediegen hohe Ton der moralischen Ansprache und die Zurückhaltung im politisch Konkreten schienen ihn für den Einsatz in den Schulen der fünfziger Jahre zu prädestinieren, auch wenn die damalige deutsche Bundesregierung dafür sorgte, dass Resnais’ Film bei seiner internationalen Premiere in Cannes 1956 in einer Sondervorstellung am Rande landete.

Auch der Eröffnungsfilm der Reihe, Aus einem deutschen Leben (Freitag und Sonntag), wurde von Regisseur Theodor Kotulla schon in den Fünfzigern konzipiert, brauchte aber weitere zwei Jahrzehnte, bis er realisiert werden konnte. Anhand des Lebens von KZ-Kommandant Rudolf Höß arbeitet Kotulla in 15 episodischen Kapiteln exemplarische Stationen einer Täter-Biografie heraus. Dabei kann man viel über das Funktionieren autoritärer und technokratischer Strukturen lernen. Bei heutigen Förderinstanzen hätte die bundesfilmpreisgekrönte WDR-Koproduktion wegen fehlender emotionaler Highlights vermutlich keine Chance.

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