CITY Lights : Kehraus in der Kommune

Silvia Hallensleben besucht radikale Minderheiten

Silvia Hallensleben

Weiter entfernt von den Reizen der modernden Konsum- und Mediengesellschaft kann eine Kultur kaum sein als die der Hutterer, einer zur Zeit der Bauernkriege gegründeten wiedertäuferischen Gemeinde, die bis heute in Gütergemeinschaft und Askese lebt. Nach religiöser Verfolgung und innereuropäischen Fluchtbewegungen haben sich einige von ihnen Ende des 19. Jahrhunderts nach Nordamerika abgesetzt. Seitdem sind sie an Zahl und Wohlstand prächtig gewachsen. Neben dem biblischen Vermehrungsgebot trägt zur hohen Geburtenrate wohl die Tatsache bei, dass sie sich neben jeder „Augnlust“ auch dem Fernsehabend verweigern. Selbst Passfotos werden abgelehnt. Ein Wunder deshalb der solch bilderfeindlichen Verhältnissen abgerungene Film, den der Potsdamer Dokumentarist und HFF-Professor Klaus Stanjek 2004 aus dem Alltag einer Hutterer-Gemeinde mitgebracht hat. Kommune der Seligen heißt er, und das ist weder ironisch noch frömmelnd gemeint, sondern so nüchtern wie Stanjeks ganzer Film. Bis Sonntag wird der Film im Weddinger „Kino am Ufer“ gezeigt. Auch die Spielstätte ist ungewöhnlich. Etwas über ein Jahr gibt es in der Weddinger Uferstraße das Kino, das sich – einzigartig in Berlin – Filmen mit spirituellem Hintergrund verschrieben hat. Die buddhistische Orientierung der Kinomacher Usch Schmitz und Kraft Wetzel ist bei den teils recht esoterisch klingenden dienstäglichen Live-Veranstaltungen nicht zu übersehen, der Standort in einer ehemaligen Eckkneipe durchaus bodenständig.

Es war Vertrauen, das einen Film wie „Kommune der Seligen“ möglich machte. Auch der Berliner Filmemacher Gerd Kroske hat 17 Jahre und drei Filme lang Beziehungen zu den Helden seiner Leipziger „Kehraus“-Trilogie aufgebaut. Dabei begann alles ganz bescheiden 1990 mit einem Kurzfilm über Aushilfsstraßenfeger im Nachwende-Leipzig: flatternde Nachtgestalten in Schwarz-Weiß zwischen Alkohol, zerstörten Familien und der kleinen Hoffnung auf eine auch persönliche Wende. Zwei Filme später sind zwei der Protagonisten tot, der Rest hat resigniert im bloßen Überleben. Begleitend zum Kinostart von Kehraus, wieder werden Donnerstag bis Sonntag in der Brotfabrik die ersten Teile von Kroskes Trilogie wiederaufgeführt. Eine bedrückende Geschichtsstunde, aber auch ein Einblick in die Veränderung dokumentarischer Erzählweisen in den letzten Jahren.

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