CITY Lights : Keine Tiller ohne Thiele

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Zu den tragischen Figuren des Kinos gehören jene Regisseure, die erzähl- oder kameratechnisch neue Wege beschreiten oder sich für gesellschaftliche Minderheiten einsetzen. Sobald sie Erfolg haben, werden sie überflüssig. Ihre Innovationen erscheinen selbstverständlich, und sie werden von Nachahmern übertroffen. Spike Lee mag mit seinen 53 Jahren noch zu jung sein, um in diese Reihe gestellt zu werden, ein großes Comeback ist nicht ausgeschlossen. Aber seine Monopolstellung als schwarzer Vorzeigeregisseur wird er wohl nie wieder erlangen. Das Verdienst von Spike Lee bestand in der Etablierung eines afroamerikanischen Mainstream-Kinos um 1990. Bereits in den siebziger Jahren hatten Polizeithriller wie „Shaft“ für volle Kassen gesorgt, doch diese Filme galten nicht als preiswürdig. Erst Spike Lee bewirkte höhere Budgets, sorgfältigere Planung und eine entsprechend seriöse Rezeption entsprechender Arbeiten. Dieses Jahr ist mit Lee Daniels erstmals ein Afroamerikaner für den Regie-Oscar nominiert worden, während Lee weniger durch seine Filme von sich reden macht als durch Klagen gegen Hollywoods Verharmlosung von Rassismus. Das war sein Hauptthema schon in Do the Right Thing (1989), einer beklemmenden Gewaltstudie, die an einem einzigen Sommertag in Brooklyn spielt (Di. im Arsenal). Spannungen entladen sich zwischen Afro- und Italoamerikanern, und mitten in dem Chaos bewegt sich Lee als trotteliger Pizzalieferant. Kaum zu glauben, dass derselbe schmächtige Mann so kraftvoll Regie geführt hat.

In der Adenauer-Ära gab es ein paar Regisseure, die für die Altbranche arbeiteten, doch heute als Wegbereiter des Neuen Deutschen Films gelten. Zu ihnen gehört Rolf Thiele, dem das Zeughaus unfreiwillig eine Retrospektive widmet. Offiziell gilt sie der 80-jährigen Nadja Tiller, doch da sie ab 1954 insgesamt elf Filme unter seiner Regie gedreht hat, angefangen mit Sie (So. und Mi.), gibt es kaum eine Tiller ohne Thiele. An seinen besten Arbeiten beeindruckt der sachlich-distanzierte Ton, mit dem bizarre Situationen abgehandelt werden. In Labyrinth (1959) geht es um die Lyrikerin Georgia, die von einem depressiven Literaturkritiker gefördert wird (So.). Nachdem der sich die Kehle durchgeschnitten hat, verfällt sie dem Alkohol und wird in die Psychiatrie eingewiesen. Zu den Insassen gehören eine Opernsängerin (Ljuba Welitsch) und eine Nymphomanin, die aus unerwiderter Liebe zu Georgia Selbstmord begeht. Starker Tobak, die Gefahr unfreiwilliger Komik ist groß, aber Thiele setzt auf Entfremdungseffekt statt Rührung. Das extrem stilisierte Ergebnis ist mehr Science-Fiction als Melodram.

Ähnlich unterkühlt hat Rudolf Jugert Illusion in Moll (1952) inszeniert, der Tiller in einer Nebenrolle zeigt. Hildegard Knef ist gegen ihren Typ als Todkranke besetzt, die sich ein letztes Mal verliebt, und die im wahren Leben depressive, alkoholkranke Sybille Schmitz spielt ihre Schwiegermutter (Di.). Auch hier beeindruckt, mit was für leisen Tönen eine rührselige Geschichte erzählt werden kann.

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