CITY Lights : Kinder, wie die Zeit vergeht

Silvia Hallensleben untersucht weibliche Rollenbilder

Silvia Hallensleben

Der August ist im Arsenal eigentlich die Zeit für die Tarkowski-Retro und das „Festival of Festivals“ mit den Lieblingserfolgsfilmen der Kinomacherinnen aus der letzten Saison. Doch auch die Magical History Tour dreht ohne Sommerpause fleißig ihre Runden und ist diese Woche im Japan der Nachkriegszeit bei den Klassikern von Yasujiro Ozu, Akira Kurosawa und Kenji Mizoguchi angekommen. Darunter sind zwei Schwarzweißfilme aus Ozus mittlerer Periode mit Setsuko Hara. Beide Male gibt sie die Tochter, die familiäres Pflichtbewusstsein über persönliche Selbstverwirklichung stellt: Oder ist es doch eher postödipaler Anhänglichkeit zu schulden, wenn sich die junge Noriko in Banshun/ Später Frühling (1949, heute) so gar nicht aus der VaterTochter-Gemeinschaft verabschieden mag? In Tokyo monogatari/ Die Reise nach Tokio (1953, Freitag und Sonnabend) spielt sie, wieder unter dem Rollennamen Noriko, die jung verwitwete Schwiegertochter eines Elternpaares aus der Provinz, die sich bei deren Tokiobesuch als Einzige rührend um die alten Leute kümmert. Ähnlich wie Setsuko Haras Gesicht erzählen auch die beiden Filme ohne große äußere Bewegung von den bewegenden Dingen des Lebens. Und unter der mit humoristischen Beobachtungen angereicherten Auseinandersetzung mit den sozialen Zwängen der sich modernisierenden Gesellschaft liefert die Gewissheit menschlicher Vergänglichkeit die melancholische Substanz: „Wie die Zeit vergeht. Gerade sind wir angekommen, und jetzt müssen wir schon wieder gehen“ sagt der Vater in „Banshun“ bei der letzten Reise von Vater und Tochter in Kyoto. Und selten klang ein Hochzeitsmarsch trauriger als hier.

Ganz andere Sorgen als die beiden Norikos haben die Heldinnen von Rudolf Thomes Rote Sonne, der im Lichtblick-Kino in einer kleinen Thome-Reihe (Sonnabend, Sonntag und Dienstag) gezeigt wird. Sie müssen allzu anhängliche männliche Begleiter nach fünf Tagen gewaltsam zur Strecke bringen, um dem Codex ihrer Frauen-Wohngemeinschaft zu genügen. Thomes Film zeigt schmerzlich deutlich, wie die neue Unabhängigkeit gleich wieder im Zwangskorsett dümmlicher Hübschheit und sexueller Dauerbereitschaft erstickt wird. Nicht mal ein bisschen Bad-Girl-Russ-MeyerPower dürfen Thomes böse Heldinnen haben. So ist der Film samt legendärer Oberheldin Uschi Obermaier heute vor allem als bizarre Ansammlung pseudofeministischer Weiblichkeitsprojektionen sehenswert.

Dass es auch in der DDR Feministinnen gab, bewies vorbildlich die kämpferische Fabulierkünstlerin Irmtraud Morgner. 1990 ist sie viel zu früh an einer Krebserkrankung gestorben. Jetzt nutzt das Kreuzberger Moviemento den 76. Geburtstag der Autorin, um am Sonntag mit dem Morgner-Porträtfilm gerade heraus von Beate Kunath und Ursel Schmitz zur Matinee einzuladen. Das ist wenigstens mal ein originell krummes Jubiläum. Erstaunlich eigentlich, dass noch niemand versucht hat, die „Trobadora“ oder die „Amanda“ zu verfilmen. Aber vermutlich sind Morgners Romane einfach zu vielschichtig verspielt, um in Zelluloid gegossen zu werden.

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