CITY Lights : Mit Donner und Gloria

Silvia Hallensleben geht unter die Kriminalomaninnen.

Silvia Hallensleben

Meist wird es provinziell, wenn Berlin auf Weltniveau macht. Auch der Plan, vorm Filmhaus einen „Boulevard der Stars“ mit rotem Asphaltteppich zu errichten (der Tagesspiegel berichtete), besticht nicht gerade durch Stil und Souveränität. Doch in völkerpädagogischer Hinsicht könnte die touristische Installation notwendige Nachhilfe leisten. Letzte Woche erst kam die Stadterleuchterin mit einem kanadischen Studenten ins Gespräch, der sich schnell als ambitionierter Filmbuff zu verstehen gab. Irritierend nur, dass dem jungen Mann zwar das morbide „Cabaret“-Berlin ein Begriff war, er aber noch nie von einer gewissen Marlene Dietrich gehört hatte.

Ist unser „Berliner Weltstar“ – so auf dem Straßenschild des ihr gewidmeten Platzes – nur regionalpatriotischer Größenwahn? Bei den auf dem Boulevard mit Stern Geehrten dürfte Marlene ganz vorne dabei sein. Diese Woche ist sie in Billy Wilders Witness for the Prosecution (Montag in der OmU-Fassung im Freiluftkino Mitte) zu sehen – allerdings eher etwas für Aficionados als für Einsteiger. 1958 war auch Marlene schon in den Fünfzigern, und die oscarnominierte Doppelrolle als Ehegattin und Schlampe sollte weniger Glamour als Schauspieltechnik beweisen. Im Vorspann wird die Dietrich gar erst an zweiter Stelle genannt – nach Tyrone Power, der in der Agatha-Christie-Adaption um drei Spielernaturen ihren (Fast)-Ehemann gibt.

Lauren Bacall stand 1946 als blutjunge Mrs. Rutledge in The Big Sleep (ab heute im Central) ganz am Anfang ihrer bis heute dauernden Karriere. Howard Hawks inszeniert sie in ihrem zweiten gemeinsamen Film als bübisch-brillante erotische Kriminalomanin. Auch hier überall Spieler. Doch während Wilders Gerichtsstück in einem multiplen Aufklärungs-Salto gipfelt, bleibt der Big-SleepPlot ein Labyrinth, das Spannungsdramaturgie durch das Prasseln schwüler Regengüsse und geladener Wortwechsel ersetzt. Beide Male auch Gesang: Während die Dietrich mit einer englischen Fassung von „Auf der Reeperbahn“ die Schlagerlust entzückt, zielt Bacalls rauchige Stimme ganz auf die sinnliche Seite.

In Jim McBrides The Big Easy (OF, Sonnabend im Haus der Kulturen) darf Dennis Quaid einen der Songs im Cajun-Stil liefern. Doch Star des Thrillers ist neben dem titelgebenden New Orleans die junge Ellen Barkin, die als Internal-Affairs-Ermittlerin dem korrupten Polizeicorps das Leben schwer macht. Der Film lebt von der Symbiose aus kriminalistischer Spannung und unterschiedlichsten atmosphärischen Entladungen. Auch wenn Barkin zur Drehzeit außerfilmlich gerade ihre Beziehung zu Gabriel Byrne standesamtlich besiegelte: Die Elektrizität zwischen Quaid und ihr kann es locker mit jedem Berliner Sommerunwetter aufnehmen.

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