CITY Lights : Moden für immer

Silvia Hallensleben spaziert durch Anarchismus und Agitprop

Silvia Hallensleben

Die Stones waren wirklich da, auf der Berlinale. Doch als Film hinterließ Martin Scorseses „Shine a Light“ einen schalen Nachgeschmack – als bloß netter Beitrag aus der progressiven New Yorker Upper Class, der vor allem sagt: Ist es nicht toll, wie lange wir durchgehalten haben? Vor fast 30 Jahren hat Scorsese mit ganz ähnlichen Mitteln schon einmal ein Musikereignis dokumentiert: The Last Waltz (Freitag und Sonnabend im Filmkunst 66). Auch dieses Werk will filmisch heute nicht mehr so recht überzeugen, hat angesichts der kulturhistorischen Umstände aber ein unvergleichlich größeres Gewicht. Denn 1978 ging es nicht um eine prominent besetzte und mit reichen Blondinen dekorativ geschmückte Geburtstagsfeier, sondern mit dem Abschiedskonzert von „The Band“ um den Abgesang einer ganzen Ära.

Mehr Dokument also als Dokumentarfilm. Ein Zeugnis aus noch fernerer Zeit ist am Freitag im Cine Iberoamericano des Central zu sehen, das sich im März dem spanischen Bürgerkrieg widmet. Leider ist die Video-Fassung von „Un pueblo en armas“ durch die deutsch übersprochene und schlecht gemischte Übersetzung des Kommentars deformiert. Doch wenn man sich eingehört hat, liefert der Agitationsfilm, der 1936 und 1937 von Louis Frank und Juan Pallejá als Produktion der spanischen Unterhaltungsgewerkschaft S.I.E. realisiert wurde, faszinierende Einblicke in Bürgerkrieg und soziale Kämpfe des präfrankistischen Spanien. Inhaltlich leistet der Kommentar eine scharfsichtige Analyse des gescheiterten Aufbruchs aus entschieden anarchosyndikalistischem Blickwinkel, wobei neben Franco auch mit den Kommunisten hart ins Gericht gegangen wird.

Mit seiner Lust an Improvisation und der Auflösung von Hierarchien darf man auch den Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn getrost als Anarchisten bezeichnen. Seine Sujets sind Menschen, die sonst nicht in der medialen Öffentlichkeit vorkommen. Ausgerechnet eine feste Stelle beim NDR gab dem 1930 Geborenen die materielle Basis für ein Schaffen, das sich um Marktwerte und Moden nicht scheren musste. Am Wochenende ist Wildenhahn mit einem fünfteiligen Streifzug durch sieben Jahrzehnte Dokumentarfilmgeschichte in der Akademie der Künste zu Gast. Dem Publikum verspricht der körper des autoren (so der Titel mit Innovativ-Genitiv) den seltenen Genuss, Sehvergnügen und Geisteslust zu wahrem Kinoglück zu vermählen.

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