CITY Lights : Orson und Orwell

In keiner Phase der Filmgeschichte waren Jung und Alt so unerbittlich verfeindet wie in den sechziger Jahren. Bei näherer Betrachtung erweist sich die Feindschaft als rebellische Pose, denn es gab Annäherungsversuche von beiden Seiten. Frank Noack blickt zurück auf die wilden Sechziger.

Frank Noack

Für seine Science-Fiction-Politsatire Alphaville (1965) engagierte Jean-Luc Godard einen Star der Altbranche und ließ ihn sogar seine vertraute Rolle spielen. Eddie Constantine als Spezialagent Lenny Caution war seit 1953 ein Publikumsliebling, auch in Deutschland, wo der Verleih sich knallige Titel wie „Eddie krault nur kesse Katzen“ ausdachte. „Alphaville“ lief unter dem deutschen Verleihtitel Lemmy Caution gegen Alpha 60 (Mittwoch im Lichtblick-Kino). Bei Alpha 60 handelt es sich um einen Computer, der die Einwohner einer Metropole steuert. Lemmy Caution soll ihn vernichten. In dieser Stadt wird jeder Mensch bestraft, der nicht logisch denkt. Liebe und Vertrauen sind verboten. Ausgerechnet der grobschlächtige Lemmy Caution, der zuerst schießt und dann Fragen stellt, tritt als Retter der Menschheit auf und erklärt der schönen Anna Karina die Liebe. Godard zitiert in dieser Mischung aus Genrehommage und -parodie alle möglichen Quellen, von George Orwell bis zu Orson Welles, und für die Rolle des Hauptschurken wollte er Roland Barthes engagieren. Sein bester Einfall bestand darin, auf futuristische Dekorationen zu verzichten. Er drehte einfach im Paris der Gegenwart und behauptete, so sähe die Zukunft aus. Der Film ist Teil einer Godard-Reihe im Lichtblick, die am Sonnabend mit „Außer Atem“ beginnt.

Wie Roboter benehmen sich die Justizbeamten in Ermittlungen gegen einen über jeden Verdacht erhabenen Bürger (1969) von Elio Petri. Sie wissen genau, dass der Leiter des Morddezernats (Gian Maria Volonté) seine Geliebte umgebracht hat. Alle Spuren deuten auf ihn, er hat sie sogar selbst gelegt. Aber was nicht sein darf, das ist nicht. Das Programm schreibt vor, einen Linksradikalen als Täter auszumachen; konsequent wird dieses Programm umgesetzt (Sonntag und Montag im Regenbogenkino). Petri war ein großer Kafka-Bewunderer und als solcher klug genug, eine direkte Adaption zu vermeiden. Sein Thriller, mit einer herrlich schrägen Musik von Ennio Morricone unterlegt, gewann den Oscar als bester fremdsprachiger Film.

Zu den Künstlern, die in den sechziger Jahren als Auslaufmodell galten, gehörte Tennessee Williams. Seine Plädoyers für alternative Lebensformen hatten damals an Brisanz verloren. Psychische Erkrankungen wurden nicht mehr verschwiegen, sondern toleriert, zelebriert und sogar parodiert. Die letzte erfolgreiche Adaption eines Williams-Dramas, John Hustons Die Nacht des Leguan (1964), enthält das übliche exzentrische Personal: alkoholabhängiger, sexbesessener, nach Mexiko strafversetzter Priester (Richard Burton), sinnlich-mütterliche Barbesitzerin (Ava Gardner), zerbrechliche alte Jungfer (Deborah Kerr), frühreifes Schulmädchen (Kubricks „Lolita“ Sue Lyon), dazu eine lesbische Lehrerin, heiße Sonne und Leguan-Symbolik (bis 5.8., Tilsiter Lichtspiele). Huston hat das mit leichter Hand inszeniert. Die Figuren lachen über sich selbst, bevor es der Zuschauer tut.

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