CITY Lights : Päpste, Pornos, Positionen

Frank Noack beschäftigt sich mit Unfehlbarkeitsdogmen.

Frank Noack

Die Geschichte der „Päpstin“ ist bereits einmal verfilmt worden: 1972 spielte Liv Ullmann die Hauptrolle in „Papst Johanna“. Damals gab kein Bestseller den Anstoß, sondern das Interesse an kirchenkritischen Stoffen. Jahrzehntelang hatten die Kirchen Druck auf die Filmindustrie ausgeübt. Die weltweite ideologische Befreiungsbewegung in den späten Sechzigern ermöglichte neben blasphemischer Nonnenkolportage auch intelligente Dramen über kircheninterne Probleme. Der Brite Michael Anderson drehte neben „Papst Johanna“ auch In den Schuhen des Fischers (1968). Darin wird ein Erzbischof aus Sibirien zurückgeholt, weil die sowjetische Regierung einen Verbindungsmann im Vatikan benötigt. Der Mann bringt es weit – und wird zum Papst gewählt. (Sonntag 11 Uhr in der Astor Film Lounge). An der Seite von Anthony Quinn sind mit Laurence Olivier, Oskar Werner und John Gielgud gleich drei Hamlet-Darsteller zu sehen. Werner beeindruckt als Geistlicher, der vom Vatikan Publikationsverbot erhält und daran zerbricht. Der 25. Todestag des Schauspielers ist ein Anlass für die Vorführung im 70mm-Format, ein weiterer ist das 25-jährige Bestehen des Kulturmagazins „Spirit – Ein Lächeln im Sturm“, herausgegeben vom Oskar-Werner-Bewunderer Marc Hairapetian. Gemeinsam mit Jean-Pierre Gutzeit und Uwe Borrmann vom Kinomuseum Berlin hat er die Ausstellung „Fotoreisen durch Berlins vergessene Kinolandschaften“ organisiert, die seit einigen Wochen das Foyer der Astor Film Lounge verschönert.

Zwischen Kirche und Frauenbewegung gibt es auf den ersten Blick keine Gemeinsamkeiten. Dabei haben beide einen Hang zum Exkommunizieren von Abweichlern. Frauen, die Pornografie und Prostitution verteidigen, werden als Antifeministinnen oder „Patriarchatshuren“ diffamiert. Statt sich zu wehren, wie es die Literaturwissenschaftlerin Camille Paglia getan hat, ziehen sich die meisten Bad Girls in ihre Subkultur zurück. Annie Sprinkle, die vor Zuschauern ihren eigenen Körper erforschte, ist ein Underground-Phänomen geblieben. Die Sexpertin Laura Merritt, die einen lesbischen Escort-Service betreibt und in ihrer Kreuzberger Wohnung Dildos als Türstopper verwendet, hat nun als Antwort auf Alice Schwarzers PorNo-Kampagne eine PorYes-Bewegung ins Leben gerufen. Ihr Ideal: Fair Porn – Pornos, bei der Frauen und Männer auf ihre Kosten kommen.

Einen Überblick über die feministische Pornofilmproduktion kann man sich auf dem 4. Pornfilmfestival Berlin im Moviemento verschaffen, bei dem Arbeiten von Frauen fast die Hälfte des Programms bestreiten. Doch der Besucher muss erst einmal Abkürzungen lernen. Der Eröffnungsfilm The Band (Donnerstag 20 Uhr) etwa der Australierin Anna Brownfield wird als HLXF eingestuft. Das bedeutet, dass er heterosexuelle (H) und lesbische (L) Handlungen zeigt, die nicht simuliert, also explizit (X) sind, und er wurde von einer Frau (F) inszeniert. Rob Rottens The Texas Vibrator Massacre (Montag 0 . 15 Uhr) ist HX, also heterosexuell und explizit. Die Abkürzung SW steht übrigens nicht für Schwarzweiß, sondern für „Sex Work“: Filme über Prostitution und Pornoindustrie. Wer es nicht so deutlich mag, kann auf Filme mit dem Prädikat NX (nicht explizit) ausweichen. Dazu gehören Ari Libskers Dokumentarfilm Stalags – Holocaust and Pornography in Israel (Freitag 18 Uhr; Sonntag 14 Uhr), der sich mit in KZs angesiedelten Comics beschäftigt, und der Anime-Klassiker Die Tragödie der Belladonna (Donnerstag, 0 Uhr). Auffallend viele Pornografen sind Parodisten: Stutentausch Vol. 6 (Sonnabend 17 . 30, Sonntag 0 Uhr) macht sich über Doku-Soaps wie „Frauentausch“ lustig. Doch Vorsicht: Von Fair-Porn und Feel-Good ist es nicht mehr weit bis zur Unterhaltung für die ganze Familie. Das wäre das Ende der Pornografie.

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