CITY Lights : Pfauen und Pfeifen

Über das Horst-Schlämmer-Phänomen wurde wahrlich genug geschrieben; seit den Landtagswahlen dominiert – zum Glück – wieder reale Politik: Silvia Hallensleben besichtigt echte Politikdarsteller.

Silvia Hallensleben

Interessant dürfte es dennoch sein, vor dem Hintergrund des aktuellen Kandidatendarstellers noch einmal Thomas Schadts Dokumentation der 1998er-Kampagne des real existierenden Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder zu studieren – der Film beendet in einer Reihe zum Wahlkampf die Sommerpause des Zeughaus-Kinos. Der Kandidat (nicht zu verwechseln mit dem Anti-Strauß-Agitpropstück von 1980) versucht, in der Nachfolge von Hedegus/Pennebakers „War Room“ (1993) ins Innere der Schröder’schen Wahlkampfmaschinerie vorzudringen. Er kommt – räumlich – auch verblüffend nah an den Kandidaten heran, kann jedoch die professionelle Inszenierungskunst des begnadeten Selbstdarstellers ebenso wenig knacken wie in dem Sequel Kanzlerbilder (ebenfalls Sonntag) drei Jahre danach: politisches Theater als geschlossenes System.

Nicht minder demokratiebitter, doch am anderen Ende der ProfessionalitätsSkala angesiedelt ist Andreas Dresens Herr Wichmann von der CDU (Freitag), der äußerst nüchtern in die Abgründe provinziellen Wahlkampfgeschehens führt. Dresens junger Held, ein kampflustiger Berliner Jurastudent, der 2002 in der Uckermark auf objektiv aussichtslosem Posten gegen den SPD-Kandidaten Meckel antritt, ist polittaktisch so sehr Amateur, dass er mit seiner öffentlichen Rolle noch gar nicht umgehen kann. Auch seine Medienwirkung kann er vor lauter Arroganz nicht realistisch einschätzen, sonst wäre wohl auch dieser Film nie zustande gekommen. Abstoßend vor allem ist aber – neben Wichmanns gehässigen Plattitüden – die dumpfe Ignoranz des Wahlvolks, wenn man Dresen zugesteht, nicht allzu einseitig ausgewählt und geschnitten zu haben. Vielleicht ist die oft beklagte niedrige Wahlbeteiligung doch eher Segen als Fluch.

Konservative Positionen in verführerischerem Gewand lassen sich in John Sturges’ Die glorreichen Sieben sehen: Darin setzt Kurosawas „Die sieben Samurai“ in ein mexikanisches Bauerndorf um, dessen Bewohner zum Kampf gegen übermächtige Dauerplünderer einen Trupp US-amerikanischer Profigauner als Söldner anheuern. Ein Klassiker, dessen Soundtrack jahrelang die Werbung für den Geschmack von Freiheit und Abenteuer untermalte. Aber auch ein differenzierter Spätwestern kurz vorm Kollaps des Genres in Parodie und Italo-Nihilismus. Neben Yul Brunner, Bronson und McQueen durfte hier der junge Horst Buchholz sein US-Debüt geben. Und das, zumindest stimmlich, gleich in einer bravourös gemeisterten Doppelrolle: Neben dem Part als hitziger Jungspund Chico darf Buchholz auch den Kollegen Brad Dexter synchronsprechen. Überhaupt ist die am Dienstag in der Kurbel gezeigte deutsche Synchronfassung mit Rainer Brandt, Eduard Wandrey und dem als Mitchum- und Wayne-Alter-Ego legendären Arnold Marquis eine Fundgrube für Stimmen-Nostalgiker. Marquis spricht den skrupellosen Anführer der Plünderer. Wenn er den Bauern von moralischem Verfall erzählt und dass sie keine Ahnung haben von seinen schweren Sorgen, fallen die Assoziationen zum finanzkrisengeplagten Heute nicht schwer. Nur die rettenden Desperados sind verschwunden. Oder sollten das etwa Wichmann, Schröder & Co sein?

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