CITY Lights : Pier, Gus & Jim

Silvia Hallensleben würdigt filmische und andere Obsessionen

Silvia Hallensleben

Als das „Verzaubert“–Festival 1991 zur ersten Deutschland-Tour aufbrach, war Homosexualität auch filmisch im Mainstream angekommen. Andererseits markierte der kommerzielle Gestus auch den Abschied vom heimelig subkulturellen Wir-Gefühl. Nun geht das Festival – gestern mit Tom Palins „Savage Grace“ in der Kulturbrauerei eröffnet – in seine 17. Runde. Mit Gus Van Sant ist diesmal ein anderer Urvater des New Queer Cinema mit gleich zwei Filmen dabei: Neben einer Preview von Paranoid Park ist am Dienstag das Debüt des damals 33-Jährigen zu sehen. Mala Noche (1985), für 25 000 Dollar auf 16-mm-Schwarz-Weiß in Portland mit Laien gedreht, ist ganz Jarmusch der achtziger Jahre und doch schon ganz Van Sant. Das Thema – die romantisch besetzte Obsession eines Angestellten für einen mexikanischen Einwandererjungen – ist ein Klassiker.

Giuseppe Pelosi hieß der 17-jährige Stricher, der für den Mord an Pier Paolo Pasolini ins Gefängnis kam. 2005 widerrief er sein Geständnis und behauptete, unter Druck gesetzt worden zu sein. Das passte zum Verdacht einer politischen Verschwörung, der gleich nach der Mordnacht vom 2. November 1975 in der Welt war – bis heute ohne juristische Konsequenzen. Letztes Jahr gründeten italienische Intellektuelle eine Initiative, um die Wiederaufnahme des Verfahrens zu befeuern. Mit Carla Benedetti, Gianni Borgna und dem Autor und Verschwörungsspezialisten Carlo Lucarelli sind am Montag drei Mitgründer im Italienischen Kulturinstitut zu Gast. Nach dem Gespräch wird Lucarellis TV-Dokumentation Pier Paolo Pasolini - morte di un poeta (2005) gezeigt.

Die wohl provokanteste These zu Pasolinis Tod hat der Maler Giuseppe Zigaina aufgestellt: Der Künstler, meint er, habe Werk und Leben durch den selbstgewählten Opfertod endgültigen Sinn geben wollen. Die Deutung passt gut zu Pasolinis letztem Film „Die 120 Tage von Sodom“. Der unübertroffene Sado-Maso-Meister der Leinwand war aber Erich von Stroheim, der seine Filmerzählungen gerne in fantastischen Tableaus erstarren ließ. Seine Detailversessenheit trieb manches Projekt in den Ruin. Bei Queen Kelly war es Ko-Produzentin und Hauptdarstellerin Gloria Swanson, die das Vorhaben wegen seiner Exzentrik platzen ließ. Nun hat sich die neu nach Berlin gezogene New Yorker Drag-Queen und Performerin Vaginal Davis des Fragments angenommen und präsentiert es am Sonnabend im Arsenal in einer 101-Minuten Fassung mit Klavierbegleitung. Das Personal auf der Leinwand: Klosterschülerin Kelly, die ein Bordell in Afrika erbt. Ein Prinz, der ihr verfällt. Ein alter Lüstling, der ihr Ehemann werden soll. Und die Königin, die Kelly eigenhändig aus dem Palast jagt – mit der Peitsche.

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