CITY Lights : Polen leuchtet

Ums Handanlegen wird gebeten: Frank Noack kurbelt an einem historischen Stummfilmprojektor.

Frank Noack

Nur wenige Filmregisseure können auf 50 Jahre Berufserfahrung zurückblicken und zugleich neue Projekte ankündigen. Gleich zwei von ihnen, Andrzej Wajda und Roman Polanski, kommen aus Polen. Polnische Kameramänner wie Janusz Kaminski, Slawomir Idziak, Pawel Edelman, Witold Sobocinski und Piotr Sobocinski haben Karriere in Hollywood gemacht, ebenso die Komponisten Zbigniew Preisner und Jan A. P. Kaczmarek. In seltsamem Missverhältnis dazu steht die Schwierigkeit polnischer Filme, im westlichen Ausland einen Verleih zu finden. Wer über das Filmschaffen im Nachbarland informiert sein möchte, hat beim Festival filmPOLSKA Gelegenheit dazu. Das Programm ist so reichhaltig – 40 Spiel- und Dokumentarfilme, über 40 Kurz- und Studentenfilme sowie eine Retrospektive –, dass es auf vier Kinos verteilt wird (Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos, fsk und Arsenal).

Die Retro erinnert an die Neue Welle der sechziger Jahre, zu deren wichtigsten Figuren der Boxer, Musiker und Lyriker Jerzy Skolimowski gehörte. Nach einigen Jahren Assistenz bei Wajda und Polanski gab er mit Besondere Kennzeichen: keine sein Filmdebüt – als Regisseur und Star (Freitag im Arsenal). Es geht um die letzten Stunden eines Mannes vor seiner Einberufung zum Militär. Andrzej, gerade von der Uni geflogen, streitet mit der Freundin, betrügt sie, vernachlässigt seinen Hund – ein typischer Antiheld. Skolimowski war selbst ähnlich ruhelos und unberechenbar. Zuletzt war er in David Cronenbergs „Tödliche Versprechen“ zu sehen; inzwischen ist der 70-Jährige auch wieder als Filmemacher aktiv.

Die berühmteste polnische Darstellerin aller Zeiten hat bereits 1917 ihre Heimat verlassen. Für eine Diva wie Pola Negri war kein Platz in einer Kinokultur, die bis heute einer realistischen Tradition verpflichtet ist. In Deutschland verhalf ihr Ernst Lubitsch zum Durchbruch. Ihr gemeinsamer Erfolg Carmen (1918) wird am Sonnabend an einem ungewöhnlichen Ort gezeigt, im Kutschenstall Rixdorf. Genauso ungewöhnlich ist die Vorführmethode, ein historischer Stummfilmprojektor, der schon während des Ersten Weltkriegs als Auslaufmodell galt. „Cinema mobile – Kino wie vor 100 Jahren“ nennt sich die Veranstaltung, auf der der Jazzpianist Antonello Marafioti und die Kinoerzählerin Caroline Sanchez den Film begleiten(Richardplatz 18, Nähe S- und U-Bahnhof Neukölln, 20 Uhr, Tel.: 030-70 08 64 28, www.cinemamobile.de). Die Besucher dürfen nicht nur Hand anlegen; sie werden sogar darum gebeten. Wer die Kurbel bedient, hält das maximal zehn Minuten aus. Ein Monstrum, dieses Gerät. Aber man sollte es einmal gesehen haben.

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