CITY Lights : Ratten und Rentiere

Frank Noack ist sonderbaren Verwandlungen auf der Spur

Frank Noack

Wer Keira Knightley für knochig hält, der hat bei Lilian Harvey nicht richtig hingeschaut. In einer Szene in Paul Martins Schwarze Rosen (Freitag im Zeughauskino) ist sie in tief ausgeschnittenem Kleid vor dem Schminktisch zu sehen, und ihre Rippen stehen extrem deutlich hervor. Nun, damals standen schmale Frauen nicht gleich unter Bulimieverdacht; zudem spielte Lilian Harvey eine Tänzerin. Mit „Schwarze Rosen“ feierte sie 1935 ihr Comeback im deutschen Film, nachdem sie zwei Jahre in Hollywood verbracht hatte. Das Publikum lag ihr immer noch zu Füßen, zumal erneut Willy Fritsch ihr Partner war.

Das in Vergessenheit geratene Melodram passt wenig zu den HarveyFritsch-Tonfilmoperetten. Willy Fritsch gibt – einmal nicht der nette Junge von nebenan – einen finnischen Untergrundkämpfer, der sich für die Unabhängigkeit seines Landes einsetzt. Verblüffend: Die russischen Besatzer werden nicht als slawische Untermenschen diffamiert. Im Gegenteil, der Gouverneur (Willy Birgel) strahlt Würde aus und tut, was in einem Film von 1935 wiederum hochwillkommen war, bei der Jagd auf Widerstandskämpfer nur seine Pflicht. Folglich darf er als gleichberechtigter Bewerber um die Hand der – ebenfalls russischen – Tänzerin anhalten. Der Historiker Chris Wahl wird in seiner Einführung die Komplexität dieses Films beschreiben, von dem es auch eine französische und eine englischsprachige Fassung gibt.

Über das finnische Kino vor Aki Kaurismäki ist wenig bekannt, obwohl sich Kaurismäki selber für Teuvo Tulio oder Nyrki Tapiovaara starkgemacht hat. Immerhin haben sich unlängst die Cahiers du cinéma der finnischen Filmgeschichte angenommen – ein Signal? Nicht nur wegen seiner Naturschilderungen erregte Erik Blombergs Das weiße Rentier (heute im Arsenal) 1953 in Cannes Aufsehen: Eine vernachlässigte Ehefrau führt ein Doppelleben, verwandelt sich in ein Ren und lockt reihenweise Jäger in die Falle – bis sie ihrem Mann gegenübersteht.

Auch in Night and the City (1950) wird hart gekämpft. Mit der Wiederaufführung erinnert das Filmkunst 66 an die kürzlich verstorbenen Hollywood-Legenden Jules Dassin und Richard Widmark (Freitag und Sonnabend). Ein Film noir natürlich – schwärzer kann ein Titel nicht klingen. Der deutsche Verleihtitel „Die Ratte von Soho“ trifft die Stimmung allerdings ebenfalls gut. Widmark spielt den Versager Harry Fabian, der es leid ist, Touristen in Londoner Nachtclubs zu locken. Und warum London? Dassin war in den USA wegen seiner Nähe zur kommunistischen Partei auf die schwarze Liste geraten – doch statt den Regisseur auszuwechseln, schickte der liberale Produzent Darryl F. Zanuck einfach das ganze Team nach Europa.

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