CITY Lights : Schönheit und Alter

Frank Noack

Schon lange hat kein Fund mehr so viel Aufsehen erregt wie die im Sommer in Buenos Aires entdeckte ungekürzte Originalfassung von Metropolis. Es bleibt abzuwarten, ob dieses überladene, uneinheitliche Ufa-Spektakel nach Einfügung der bisher fehlenden Sequenzen einen stärkeren Eindruck hinterlässt. Der im Augenblick vorhandene Torso ist mit 134 Minuten lang und stark genug (Sonnabend im Zeughaus). Ein nicht weniger sensationeller Fund ist Daniel Semler gelungen. Er hat die Familie der geheimnisumwitterten Hauptdarstellerin ausfindig gemacht und durfte deren private Fotoalben sichten. Jetzt wissen wir endlich: Brigitte Helm (1908-1996), die seit 1935 in keinem Film mehr aufgetreten ist, war bis ins hohe Alter eine schöne Frau mit unverwechselbarem Profil. Sie hat sich nicht Garbo-like versteckt, um die Illusion ewiger Jugend zu wahren, sondern hatte bloß keine Lust auf Medienrummel (Daniel Semler: Brigitte Helm. Der Vamp des deutschen Films. Belleville München. 238 Seiten. 24,70 Euro). Mit ihrem Entdecker Fritz Lang übrigens stand sie bis kurz vor seinem Tod in Kontakt, und während einer USA-Reise Mitte der fünfziger Jahre traf sie sich mit Marlene Dietrich. Deren Rolle im „Blauen Engel“ war zuerst Helm angeboten worden, doch Josef von Sternberg fand sie damals nicht ordinär genug. Umwerfend – und umwerfend ordinär – spielte sie später in ihrem ersten Tonfilm Alraune (1930). Helm spielt darin die Spelunkensängerin Alma Raune und deren künstlich gezeugte Tochter (Sonntag im Zeughauskino).

An eine sehr kurze Karriere denkt man auch bei dem Brüderpaar Paolo und Vittorio Taviani. Gewöhnlich assoziiert man mit ihnen die Wende zu den achtziger Jahren. Die vom Italienischen Filminstitut geförderte Reihe im Babylon Mitte korrigiert diesen Eindruck. Sie hatten 1954 als Dokumentarfilmer begonnen, sie ließen in Gebrandmarkt (1962) Gian Maria Volonté gegen die Mafia kämpfen und reagierten mit Die Subversiven (1967) auf den Tod des KPI-Generalsekretärs Palmiro Togliatti (jeweils Dienstag). Als politische Filmemacher blieben sie jedoch im Schatten von Francesco Rosi und Pier Paolo Pasolini. Der Durchbruch gelang ihnen erst 1977 in Cannes, wo das bäuerliche Drama Padre Padrone die Goldene Palme gewann (Mittwoch). Das Thema der Auflehnung gegen einen übermächtigen Vater war aktuell und zeitlos zugleich: Der kleine Gavino wird von seinem Vater aus der Schule genommen und mit Stockhieben zum Schafehüten gezwungen. Er bleibt Analphabet und versteht nicht einmal Italienisch, da er nur sardischen Dialekt kennt. Seine Emanzipation und verspätete akademische Bildung inszenieren die Tavianis ohne Triumphgefühl. Die Nacht von San Lorenzo (1982) wiederum erzählt eine blutige Geschichte über Partisanen im Kampf gegen Faschisten mit einem unerwarteten Sinn für Komik und Poesie (Montag). Ein Markenzeichen der Tavianis sind stilistische Brüche; sie ergeben sich daraus, dass die Brüder nicht als Paar, sondern im Wechsel Regie führen. Ihr Spätwerk ist vergleichsweise schwach. Doch dass sie ihr Niveau nicht halten konnten, ändert nichts an ihrem festen Platz in der Filmgeschichte.

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