CITY Lights : Soap oder nicht Soap

Silvia Hallensleben gibt sich serienmäßig vergnügungssüchtig

Silvia Hallensleben

Im Mediengeschäft sind Film und Fernsehen längst in einer ebenso riskanten wie fruchtbaren Zweckehe miteinander verbunden. Ein Filmfestival mit einer Fernsehserie zu eröffnen, scheint dennoch ein Tabu. Doch warum eigentlich nicht? Schließlich ist es gar nicht so einfach, jenseits der privatsenderüblichen US-Ware zu entdecken, was unsere Weltmitbürger serienmäßig fasziniert. Der Mehrteiler „A Touch Away“, mit dem Sonntagvormittag das 13. Jewish Film Festival eröffnet wird, hielt das israelische Fernsehpublikum acht Wochen in seinem Bann. Verständlich, denn hier werden brennende Gesellschaftskonflikte handwerklich perfekt und genregerecht mitreißend in ein Zwei-Familien-Drama mit Romeo-und-Julia-Kern verpackt. Die Geschichte russischer Neueinwanderer, die in der von orthodoxen Juden bevorzugten Stadt Bnei Berak in Nachbarschaftskonflikte geraten, scheint zwar aus dem Schatzkästlein der Rollenklischees gefüllt – allen voran eine rotmähnige Moskauer Bühnendiva, die als ultra-libertines Gegenbild zum fundamentalistischen Keuschheitswahn herhalten muss. Doch insgesamt geht es trotz viel Pianogeklimper erstaunlich hart zur Sache. Die erfolgreiche Produktion existiert auch in einer auf Spielfilmlänge gekürzten Fassung – doch am Sonntag im Arsenal werden in zwei Blöcken sämtliche 320 Minuten des mit allen Tricks der Cliffhanger-Kunst konstruierten Dramas vorgeführt.

Israel ist das am stärksten vertretene Filmland des Festivals mit insgesamt neun Produktionen, die bei aller Unterschiedlichkeit des filmischen Ansatzes die politischen und sozialen Verwerfungen des Landes beleuchten. Doch auch etwa aus den USA, Irland, Norwegen und Deutschland kommt jüdisches Kino. Und aus Mexiko, wo Alejandro Springall mit „My Mexican Shiva“ (Mittwoch) das Subgenre des jüdischen Familienfest-Films um die Komödienversion einer Trauerfeier in Mexiko-City erweitert. Auch hier steht mit dem Verstorbenen ein eitler Schauspieler im Zentrum. Doch die Affären und Geschichtchen gäben eher Stoff für eine TV-Seifenoper her als für die große Leinwand.

Mit der Blindenwerkstatt Otto Weidt und dem Anne-Frank-Zentrum ist das Haus Schwarzenberg in der Rosenthaler Straße auch ein bedeutender Ort jüdischer Geschichte in Berlin. Am Sonnabend wird auf dem Hof vor dem Kino Central die erste Freiluftkinosaison eröffnet – mit Sein oder Nichtsein. Ernst Lubitschs Film wird meist zum Beweis der These angeführt, dass man auch im Kino über Hitler lachen kann. Er ist aber vor allem eine leidenschaftlich bösartige Liebeserklärung an ein Metier, dem Lubitsch mit dem Schauspielerehepaar John und Maria Tura wohl das bisher schönste filmische Denkmal gesetzt hat.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben