CITY Lights : Stasi beim Volvo-Ballett

Silvia Hallensleben feiert Weihnachten in Katalonien.

Silvia Hallensleben

Pünktlich zum ersten Advent kommt eine radikale Variante der Weihnachtsgeschichte ins Berliner Kino, die bei Festival-Filmkritikern weltweit Begeisterung ausgelöst hat. Albert Serras El cant del ocells ist eine Kampfansage an das durchgearbeitete Drehbuch- und Effektkino, sein Regisseur avancierte schon mit seiner minimalistischen Don-Quixote-Adaption „Honor de cavalleria“ zum aufstrebend genialischen Superstar des Independent-Kinos. Jetzt sind es die heiligen drei Könige, die einmal nicht als prächtig ausstaffierte Orientalen daherkommen, sondern als unbeholfene Greise, die sich in lakonischen Dialogen einen Reim auf die Geschehnisse zu machen versuchen. Die Darsteller hat Serra aus seinem katalanischen Heimatdorf rekrutiert, oft lässt er sie ohne jede sichtbare Schauspielerführung vor sich hin improvisieren. Nicht jeder goutiert so viel Zurücknahme: Bei einer Vorführung in Wien verließ die Hälfte des Publikums vorzeitig den Saal. Äußerlich geschieht wenig. Die von Digital-Video auf 35mm hochgezogenen Totalen mit imposanten Wolken- und Landschaftsformationen bleiben ästhetisch eher Behauptung. Manche entdecken gerade hierin spirituelle Qualitäten. Denn blasphemisch gemeint ist der Film keineswegs, im Gegenteil. Allerdings braucht es eine gewisse religiöse Grundgestimmtheit, um zur Erleuchtung zu finden. Serras Film wird (unter dem Titel „Bird Song“) Sonntag und Montag im schönen Festivalfilm-Festival Around the World in 14 Films im Babylon Mitte von Regiekollege Veit Helmer präsentiert.

Bitterernst gemeint sind auch die tanzenden Autos in Praktisches Sicherheitstraining III/Winterbedingungen. „Übungselemente zur Bewältigung von Gefahrensituationen bei terroristischen Anschlägen“ heißt der volle Untertitel des Kurzfilms, der im Rahmen der Reihe Kino der Geheimdienste am Samstag im ZeughausKino zu sehen ist. Der Lehrfilm des Stasi-Filmstudios Agitation zeigt Chauffeure volkseigener Staatskarossen, die zwischen Markierungshütchen die synchrone 180-Grad-„Vorwärtswende“ üben. Ein bizarres Volvo-Ballett. Ansonsten ist das geheimdienstliche Film-Material in seinen milchigen Grautönen gar nicht so sehr von Serras Wüstenbildern entfernt. Inhaltlich zeigt das von Karin Fritzsche kuratierte Programm noch bis Mitte Dezember Schulungs-, Propaganda- und Auswertungsfilme auch tschechoslowakischer und ungarischer Herkunft, wobei die Untersuchung geheimdienstlicher Filmsprache im Zentrum der Aufmerksamkeit steht.

Auch der Kampf gegen staatliche Gewalt nutzt die Macht der Bilder zur „Aufklärung“: La ciudad de los fotógrafos von Sebástian Moreno erinnert an die Fotografenvereinigung AFI, deren Mitglieder in den Jahren der Pinochet-Diktatur mit ihren Kameras bei Protesten und Straßenkämpfen dabei waren. Einige haben dafür mit dem Leben bezahlt. Regisseur Sebastián Moreno ist Sohn eines überlebenden Fotografen. Sein mit verfremdeten Reinszenierungen experimentierender Dokumentarfilm ist am Montag im Rahmen des One World Film Festivals im Arsenal zu sehen: eine Hommage an diejenigen, die mit Bildern der Opferrolle entkommen wollten.

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