CITY Lights : Süßholz und Sauertopf

Silvia Hallensleben gibt die Medizinfrau gegen Seelenkleister

Silvia Hallensleben

Es ist nur eine kleine radikale Minderheit von Filmjournalisten (die Autorin eingeschlossen), die sich seit der Berlinale-Premiere im Februar der angeblichen Magie eines Films verweigern, der niedrigste sexuelle Dienstleistung als Akt weiblicher Selbstbefreiung verkauft. Von enthusiasmierten Kollegen wurden wir dafür als humorlose und prüde Sauertöpfe disqualifiziert: Dabei ist es doch der Film „Irina Palm“ selbst, der mit seiner spießigen Prüderie abstößt. Dass er auch nicht gerade originell ist, beweist der Wunschfilm, den Central-Filmvorführer Harald Häfker am Montag im eigenen Kino am Hackeschen Markt zeigt: eine 20 Jahre alte britische Komödie, die die amüsantere Vorlage zu Sam Garbarskis Rührstück sein könnte.

Auch Personal Service delektiert sich an britischer Doppelmoral im Allgemeinen und den Reizen von Kittelschürzen im Puff und weiblichen Dienstleistungen im Speziellen, die hier standesgemäß – mit distinguierten Herren aus der upper class – um die üblichen Rollenspiele mit Rohrstock und Schwesternhäubchen erweitert werden. Doch anders als „Irina Palm“ bewältigt die 1986 von Monty-Python-Mitglied Terry Jones inszenierte Komödie die Geschichte um den Aufstieg einer Kellnerin zur Edel-Bordellkönigin (Julie Walters in Bestform) ganz ohne sentimentales Gedöns und Heuchelei. Denn die Ladies wissen, was sie tun: Die Reihenhaus-Heroinnen sind knallharte kleinbürgerliche Geschäftemacherinnen, die ihren Kunden an Witz und Gerissenheit einiges voraus haben – nicht nur, wenn es um die Befriedigung sexueller Fantasieüberschüsse geht.

Dabei beruht die bissige Zeitsatire aus der Thatcher-Ära auf der echten Erfolgsstory der Londoner Madame Cynthia Payne, die dem Film auch beratend zur Seite stand. Auch Ousmane Sembènes Guelwaar gründet angeblich auf einer wahren Begebenheit. Doch der brechtianische Senegalese verwandelt den scheinbar schlichten Plot einer moslemischchristlichen Leichenverwechslung mit leichter Hand zu einer brillanten materialistischen Gesellschaftsanalyse. Die religiösen Konflikte sind hier nur Schauseite sehr viel profunderer Interessen. Dabei bekommt jeder, vom in Paris studierten „Europäer“ über die religiösen und politischen Eliten bis zu den allzu braven kleinen Leuten sein Fett weg, eingeschlossen der verstorbene Held selbst. Fast jeder: Denn, wie in seinen beiden letzten Filmen „Faat Kiné“ und „Mooladé“, richtet Sembène auch 1992 schon seine besondere Aufmerksamkeit auf die Frauen als Katalysatorinnen einer besseren afrikanischen Gesellschaft. Und weil seine Filme für Afrikaner gemacht sind und nicht für europäische Festival-Cineasten, bringt Sembène statt der üblichen pittoresk-katastrophischen Elendsbilder lieber die Mechanismen sozialen Zusammenlebens auf die Leinwand: Vom Kino als „Abendschule des Volkes“ hat er oft gesprochen.

Nur die Anti-Sauertöpfler unter uns würden Sembènes Filme vermutlich wegen dieser aufklärerischen Absichten verdammen. Am 9. Juni ist Ousmane Sembène mit 84 Jahren in seinem senegalesischen Heimatort gestorben. In Erinnerung an den „Vater des afrikanischen Kinos“ wird „Guelwaar“ am Mittwoch im Arsenal mit einer Einführung von Ulrich Gregor vorgeführt – hoffentlich der Auftakt einer bald größeren Retrospektive.

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