CITY Lights : Tänzer am Abgrund

Frank Noack sucht den Skandal in der Kunst

Frank Noack

Die Herausgeber von Klatschmagazinen können einem Leid tun. Ständig müssen sie ihre Leser mit Skandalen versorgen, die jedoch meist von bestürzender Harmlosigkeit sind. Fremdgehen, koksen, Steuern hinterziehen: Von Promis erwartet man auch im Negativen mehr Größe. Unwahrscheinlich, dass in 100 Jahren noch irgendwer weiß, wer Paris Hilton war.

Antony Beevor, bekannt wegen seiner Bücher über den spanischen Bürgerkrieg, Stalingrad oder Berlin, hat auch ein Buch über die Schauspielerin, Abenteurerin und vermeintliche Spionin Olga Tschechowa geschrieben. Im Mai 1945 wurde die Nichte von Anton Tschechow, die bei öffentlichen Anlässen neben Hitler saß, mit einer Militärmaschine nach Moskau geflogen. Exilrussen und Kriegsgefangene wurden damals zu Tausenden in ihre Heimat gebracht. Ungewöhnlich war, dass Tschechowa unversehrt nach Berlin zurückkehrte und unter sowjetischer Besatzung materielle Vorteile genoss. Sie war sicher keine aktive Agentin, aber sie verfügte über Kontakte, auf die die Todesstrafe stand. Eine ambivalente Position bekleidete sie auch im NS-Kino. Im Architekten-Biopic Andreas Schlüter (1942) übt sie als Gräfin Vera Orlewska einen unheilvollen Einfluss auf den Titelhelden aus, den Heinrich George verkörpert (Sonnabend im Zeughauskino). Schlüter lässt sich von ihr ermutigen, auf einem sumpfigen Baugrund einen Turm zu errichten. Der Turm stürzt ein.

Tschechowa ist immer Herrin ihres Schicksals geblieben, anders als Roman Polanski, der das Warschauer Ghetto überlebte und dessen schwangere Frau Sharon Tate 25 Jahre später von Satanisten ermordet wurde. Dem Regisseur wurde prompt eine indirekte Mitschuld gegeben; schließlich hatte er soeben den satanistischen Kultfilm „Rosemaries Baby“ inszeniert. Hatte er das Schicksal provoziert? 1977 wurde Polanski außerdem der sexuellen Handlungen mit der 13-jährigen Samantha Geimer für schuldig erklärt, auch wenn er beteuerte, er sei in eine Falle gelockt worden.

Als Filmemacher hat Polanski immer das Abgründige interessiert: Heuchelei kann man ihm nicht vorwerfen. Die zu seinem 75. Geburtstag veranstaltete Retrospektive Polanski Komplex im Babylon Mitte verdeutlicht, wie gern er mit seinem Image als dekadenter Europäer spielt. Die einzige Ausnahme bestätigt die Regel: Tess (Montag) ist ein romantischer Liebesfilm, der alle Schärfen von Thomas Hardys Romanvorlage beseitigt. Hauptdarstellerin Nastassja Kinski war 15, als Polanski sie entdeckte. Mit dem Projekt war auch ein Stück Trauerarbeit verbunden: Sharon Tate hatte den Roman kurz vor ihrer Ermordung gelesen.

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