CITY Lights : Tatü Tati!

Frank Noack bläst einen Tusch für den französischen Großmeister

Frank Noack

Die Lebensläufe heutiger Filmemacher ähneln sich auf geradezu deprimierende Weise: Hochschulabschluss, Filmstudium, Praktikum, das war’s. Wo sind die Rechtsanwälte, Chirurgen und Jagdflieger, die sich dem Kino zuwenden? Solch abenteuerliche Biografien hat es durchaus gegeben. Jacques Tati etwa, der am 9. Oktober 100 Jahre alt geworden wäre, sollte wie sein Vater Kunstrestaurator werden. Doch die Liebe zum Sport war stärker: Rugby, Tennis, Boxen. Dann entdeckte er das Theater und die Pantomime. Mit über 40 wandte er sich der Filmregie zu und schuf die Figur des Kleinbürgers Monsieur Hulot, den Rowan Atkinson als wichtigstes Vorbild für seinen Mr. Bean bezeichnete.

Das Babylon Mitte zeigt nun, Tatü Tati, alle fünf Kinofilme des Franzosen, die zwischen 1947 und 1970 entstanden sind. Er debütierte mit Schützenfest (Sonnabend, Dienstag, Mittwoch), in dem die heile Welt eines Briefträgers vom Land durch eine US-Wochenschau durcheinandergerät. Der kleine Mann versucht, seine Zustellmethode amerikanischen Verhältnissen anzugleichen. 1953 folgte Die Ferien des Monsieur Hulot (Freitag mit Galaveranstaltung, Montag, Mittwoch), der definitive Antiurlaubsfilm, in dem anschaulich vorgeführt wird, wie Menschen sich gerade bei der Erholungssuche am meisten quälen. In Mein Onkel besucht Hulot seine Schwester, die mit ihrer Familie in einem monströsen Hightech-Gebäude lebt (Sonntag, Montag, Dienstag und Mittwoch). Die Dialoge sind kaum zu verstehen, dafür traktieren nervtötende Klingelgeräusche das Ohr. Nicht einmal Chaplin in „Moderne Zeiten“ hat so eindringlich die Angst des kleinen Mannes vor der Technik formuliert. Die Unwirtlichkeit der Großstadt ist das Thema von Playtime (Freitag, Sonntag, Dienstag), wo Hulot durch ein kaltes, futuristisches Paris irrt und die Kamera auf Distanz zu ihm bleibt, ihn gar zum Nebendarsteller degradiert. In Trafic schließlich (Sonnabend, Montag) ist Hulot ein Autodesigner, der mit seinem modernen Campingmobil nach Amsterdam zu einer Ausstellung fährt. Natürlich gibt es unterwegs zahlreiche Pannen.

Sich selbst hat Tati übrigens nie als Komiker empfunden. Seine strengen Bildkompositionen und das Thema der Entfremdung erinnern an ganz andere Großmeister des Kinos. Zum Beispiel an Michelangelo Antonioni.

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