CITY Lights : Vom Heiligen zur Witzfigur

Silvia Hallensleben findet Revolutionsfilme überall

Silvia Hallensleben

Einen Tag nach Lenins Tod am 21. Januar 1924 beschied die frisch ins Leben gerufene „Kommission für die Verewigung von Lenins Andenken“ den Volkskommissar für Kultur Anatoli Lunatscharski damit, alle öffentlichen Trauerbekundungen auf Film zu dokumentieren. Am 6. Februar schon wurde der fertige Film in den ersten Moskauer Kinos gezeigt und war so einer der ersten Bausteine des schnell wuchernden Lenin-Kultes, der das Volk langfristig für die sich bürokratisierende Revolution mobilisieren sollte. So jedenfalls die These, die der Tübinger Historiker Benno Ennker 1997 in seiner Dissertation über „Die Anfänge des Leninkults“ vorgestellt hat. Heute Abend (19 Uhr) wird Ennker im Arsenal zur „Stiftung eines modernen Führerkultes in der Sowjetunion“ sprechen und damit eine siebenteilige Filmreihe mit Lenin-Filmen eröffnen, die von Dziga Vertovs Drei Lieder über Lenin (1934, heute um 20.15 mit Einführung von Oksana Bulgakova) über Michail Romms Lenin im Oktober (1937, Montag mit einer Einführung von Maja Turowskaja) bis zu Alexander Sokurows Telets (2002, am 31.1.) reicht. Vom Heiligen zum Menschen, vom Kultobjekt zur Witzfigur, vom Urbild zum Abbild.

Drei Jahre nach Lenins Tod wurde zum ersten Mal der damals umstrittene Versuch gemacht, Lenin von einem Schauspieler (Vasili Nikandrov als erster vieler Generationen von Lenin-Impersonatoren) darstellen zu lassen. Sergej Eisensteins Oktober war eine Auftragsarbeit der „Kommission für die Jubiläumsfeierlichkeiten beim Präsidium des ZK“ zum 10. Jahrestag der Revolution. Die enormen Mittel investierte Eisenstein unter anderem in die aufwändige Reinszenierung des Sturms auf den Winterpalast mit über 10 000 Statisten. Nach heutigen Erkenntnissen kam das revolutionäre Urereignis in der Realität wohl sehr viel kläglicher daher. Doch Eisensteins Bilder sahen so schön echt aus, dass sie lange Jahre immer wieder als dokumentarische Bebilderung des Ereignisses genutzt wurden und so aktiv am revolutionären Mythos mitschrieben. So kommt „Oktober“ (am Freitag) zu einem Platz in einer anderen Reihe im Arsenal, die unter dem Titel „History Will Repeat Itself“ in Kooperation mit einer Ausstellung in den Kunst-Werken die Rolle des künstlerischen Reenactment in der Dekonstruktion historischer Wahrheiten untersucht.

Eine schöne Koinzidenz, die ihre noch schönere Erweiterung darin findet, dass die „Magical History Tour in 365 Filmen“ auch gerade beim sowjetischen Stummfilm angekommen ist und einen ansehnlichen Chor zur Lenin-Reihe liefert, darunter mit Pudowkins Das Ende von Sankt Petersburg (am Sonntag) eine weitere Arbeit zum 10. Revolutionstag. Dass das Programmblatt der Freunde der deutschen Kinemathek ausführliche Anmerkungen zu Konzeption und einzelnen Filmen liefert, scheint selbstverständlich. Öffentlich geförderte Kinos sind besonders in der Pflicht, die Mittel fruchtbringend zu verwenden. Im Arsenal ist die Komposition diesen Monat so gut gelungen, dass im Notfall die Programmlektüre ausreicht, um die dringendsten cineastischen Gelüste zu befriedigen.

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