CITY Lights : Vom Knast zum Alex

Silvia Hallensleben fährt mit der Straßenbahn durchs alte Berlin.

Silvia Hallensleben

Unlängst lief im Zeughaus mit „The Big Lift“ ein US-Film aus dem Jahr 1950, der hinter seiner propagandistischen Botschaft authentische Einblicke ins Nachkriegsberlin ermöglichte. Heute Abend folgt, ebenfalls dort, das sowjetische Gegenstück: Berlin heißt die 65-minütige Dokumentation über das Kriegsende, die im Juli 1945 als erster neuer Film in Berlin Premiere feierte. Regisseur Juli Raisman montierte Aufnahmen von 38 eigens angeheuerten Frontkameramännern mit Wochenschau-Material und gewann bei den ersten Filmfestspielen von Cannes 1946 einen der damals großzügig vergebenen Preise. 1967 wurde eine verkürzte entstalinisierte Fassung hergestellt.

In die späte Weimarer Republik befördert uns Phil Jutzis Berlin Alexanderplatz (Brotfabrik-Kino) zurück. Gleich zu Beginn geht es mit der Elektrischen vom Tegeler Knast zum Alex. Aus heutiger Perspektive mag das Straßentreiben beschaulich erscheinen, doch rasanter Schnitt und aufputschende Musik zeigen, dass das damals anders wahrgenommen wurde. Insgesamt aber hat Jutzi den gewaltigen „Wortfilm“ (Herbert Ihering) von Döblins Romanvorlage in eine erstaunlich konventionelle und unfilmische Erzählform gebracht. Erstaunlich deswegen, weil Döblin selbst am Buch mitgeschrieben hat. Doch auch hier gibt es – neben Heinrich George und dem jungen Minetti – Blicke aufs Berliner Alltagsleben, etwa darauf, dass im Strandbad Wannsee das „Baden in dreieckiger Badehose nicht gestattet!“ war.

In Jürgen Böttchers Jahrgang 45 schieben sich vor die Straßenbahnen die DDR-Konsum-Schaufenster der sechziger Jahre. Davor ein frisch getrennter junger Mann, der in der biederen Aufbau-Welt keinen Platz findet. Rolf Römer gibt diesen Halbstarken mit lässiger Schnoddergeste, ein Werner Enke des Ostens, nur dass sich die rebellische Ratlosigkeit bei ihm statt zur puren Trägheit eher zu lethargischer Nervosität verdichtet. „Jahrgang 45“ war einer der Filme, die 1965 verboten wurden, weil sein Held „indifferent, gedankenlos, unreif, und asozial“ sei. Böttcher machte sich danach als Dokumentarfilmer und Maler einen Namen. Sein einziger Spielfilm (Akademie der Künste, außer Montag) ist nicht nur ein großartiges Dokument der Aufbruchsstimmung jener Tage; mit der Figur des väterlichen Kaderleiters nimmt Böttcher auch die Zensorenreaktion vorausschauend in den Film auf: Man muss sich auch in der Liebe ein Ziel setzen! Dann ist das Leben ganz einfach.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben