CITY Lights : Vom Winde verweht

Frank Noack findet Juwelen im Staub der Geschichte

Frank Noack

Wer heute ein Kinoprogramm machen will, das die Zuschauer an ihre Jugendjahre erinnert, kann allenfalls bis in die vierziger Jahre zurückgehen. Das Filmschaffen der Weimarer Republik dagegen ist nur noch etwas für die Forschung, die sich für Klassiker interessiert. Die Durchschnittsware verschwindet in den Archiven – etwa Filme mit dem Komiker Felix Bressart, der im Hollywood-Exil in ein paar Lubitsch-Klassikern mitgewirkt hat. Den Höhepunkt seiner Popularität, mit Militärgrotesken und Satiren auf das Kleinbürgertum, erlebte er jedoch in den frühen dreißiger Jahren in Deutschland. Als Der Herr Bürovorsteher (1931) hat er an seiner Brust fünf Kugelschreiber befestigt, die er vor sich herträgt wie militärische Orden (Mittwoch, Eva-Lichtspiele). Der Regisseur des Films, Hans Behrendt, wurde 1942 nach Auschwitz deportiert, als Bressart für Lubitschs Anti-NaziSatire „Sein oder Nichtsein“ vor der Kamera stand.

An vergessene Helden des Zweiten Weltkriegs haben zuletzt zwei Regisseure erinnert, die zu einer ethnischen Minderheit gehören: Spike Lees „Miracle at St. Anna“, über schwarze GIs in Italien scheint so misslungen, dass sich kein deutscher Verleih für ihn interessiert. Dagegen war Rachid Boucharebs Indigènes (2006) in Frankreich ein Erfolg bei Publikum und Kritik, wurde ins Oscar-Rennen geschickt und – wichtiger noch – führte zur Rehabilitierung der maghrebinischen und afrikanischen Soldaten, die ihr Leben für die Kolonialherren gaben. Das Babylon Mitte zeigt den Film am Montag in der Reihe „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“. Die Wiedergutmachung war überfällig: 1959 verloren die muslimischen Soldaten ihre Pensionsansprüche – als Reaktion auf den algerischen Freiheitskampf. Unter dem Eindruck von Boucharebs Film setzte sich Präsident Jacques Chirac für sie ein.

Die Angst vor atomaren Vernichtungswaffen ist nicht ganz verschwunden – nur herrscht heute allenfalls Besorgnis, und Filme darüber dienen eher der Schaulust. Eine Ahnung davon, wie im Zeitalter von Wettrüsten und Tschernobyl der Blick auf die Gefahren des Atomkriegs gerichtet wurde, vermittelt der britische Zeichentrickfilm Wenn der Wind weht (1986), dessen betuliche Machart eine künstlerische Entscheidung war. Sie unterstrich die Naivität eines Rentnerehepaars, das einen Atomschlag überlebt und glaubt, auf der verseuchten Erde weiterleben zu können (Sonnabend im Zeughauskino). Fertig war der Film bereits vor der Reaktorkatastrophe. Doch erst deren Eintreten machte ihn zum Erfolg.

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