Citylights : In der globalen Badewanne

Silvia Hallensleben wählt zwischen Pyjamahose und Seychellen-Insel.

Silvia Hallensleben

In Jim Jarmuschs „The Limits of Control“ sind es zwei Espressi, in Einzeltassen serviert. Der Held von Ernst Lubitschs Blaubarts achte Frau pflegt eine andere Marotte: Er kauft nur das Oberteil vom Pyjama, zum halben Preis. Dazu gibt Michael Brandon (wir sind in einer Komödie) eine wortreiche Begründung: Er wittert Verrat am Kunden, der dazu verdonnert sei, die nie gewollte Hose mitzukaufen. Das Kaufhausmanagement dagegen wertet Brandons Ansinnen als „Kommunismus“. Dabei ist der Mann (Gary Cooper) Multi-Millionär, wie es damals hieß, und sein geschäftliches Misstrauen war vielleicht Grundlage der Kapitalakkumulation, die ihm jetzt erlaubt, von der Cote d''Azur telefonisch Ölzertifikate in den USA zu ordern. Und eine angebliche Louis-Quatorze-Badewanne zu kaufen, die ihm zugleich den Besitz von Nicole sichern soll, dem Spross eines verarmten französischen Adelsclans. Nicole (Claudette Colbert, patent wie immer) vereint auch nach geschlossener Ehe Geschäftssinn mit einem ausgeprägten Sinn für ihre weibliche Würde: In Lubitschs Screwball-Komödie (Freitag und Samstag im Filmkunst 66) werden neben dem Kampf der Geschlechter auch die moralischen und geschäftlichen Differenzen zwischen Neuer Welt und altem Europa, Geld und Moral verhandelt. Was nicht spurt, wird gekauft: „Ich bin deine schlechteste Investition...“ sagt Nicole. Im Gegensatz zu den meisten romantischen Komödien löst das von Billy Wilder und Charles Brackett geschriebene Buch die diversen Interessenlagen im Happy End zwar formal auf, doch ohne emotional zu versöhnen. Vermutlich ist dieses Unterlaufen sentimentaler Erwartungen auch ein Grund, dass diese späte Lubitsch-Arbeit immer wieder als fehlbesetzt und missglückt eingestuft wurde.

In diesem Zusammenhang soll noch einmal auf die Godard-Reihe rekurriert werden, die letzte Woche mit „Alphaville“ erwähnt wurde. Es sind nicht nur die hübschen Parallelen in Stoff und Handlung, die Godards Détective (Mittwoch im Lichtblick) mit Lubitsch verbinden: Hübsche Frauen, knackige Preisboxer, migrierende Geldforderungen, eheliche Untreue und kriminalistische Nachforschung: „Détective“ führt uns die Werkzeuge des klassischen Kinos noch einmal in aller Pracht vor – zu einer Zeit, wo sie schon dem Untergang geweiht sind.

Godard verflicht und schichtet bekanntermaßen raffiniert Schrift und Dialogfragmente, Sprachzitate und Musik. Manchmal möchte man befürchten, auch der junge Filmemacher Joseph Johnson Cami hätte sich in Teilen seiner Dokumentation A Grain of Sand in Godardschen Methoden versucht. Doch vermutlich ist es nur formale Naivität, die ihn informierende Texttafeln über Sprachpassagen und Klaviergeklimpere über die Texttafeln legen lässt. Auch inhaltlich werden die Argumente mehr übereinandergestapelt als entfaltet. Dabei ist die Geschichte des britischen Journalisten-Aussteigers Brendon Grimshaw, der sich 1972 eine unbewohnte SeychellenInsel kaufte und sie mit einem Freund zum Naturreservat ausbaute, spannend und berührend; auch deswegen, weil der 82-Jährige keine Erben hinterlässt und potente Investoren aus aller Welt auf das von ihm verwahrte Stückchen kaum berührter Erde lauern. Dass Brendon Grimshaw und Lubitsch-Antiheld Michael Brandon fast Namensvettern sind, ist hoffentlich ein gutes Omen für das Festival, das „A Grain of Sand“ am Mittwoch eröffnet. Das Globians doc fest ist dieses Jahr aus Potsdam ins Weißenseer Toni-Kino gezogen und macht sich mit insgesamt 58 Filmen für eine Kultur der globalen Kommunikation von unten stark. Engagement und Vielfalt sind garantiert.

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