Citylights : Kindisch oder kindlich

Jugendlagerträume: Silvia Hallensleben bucht ein Ticket ins Pfadfinderlager.

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Als in Europa schon Kriegswolken aufzogen, blühte das Studiosystem Hollywoods noch einmal in voller Pracht und gab der Filmwelt ein annus mirabilis mit zeitlosen Filmen wie dem „Zauberer von Oz“ oder „Vom Winde verweht“. Ein anderer Titel von 1939 war die Produktion „Mr. Smith Goes to Washington“, die nach einem Buch und unter Regie von Frank Capra einen sehr jungen James Stewart als Provinzsenator in den Hexenkessel des Washingtoner Polit-Establishments schickt. Dabei brilliert Stewart als durchaus lernbereiter Naivling, der sich mit Verve gegen Korruption und das „Gesetz des Dschungels“ einsetzt. Der Clou des Films aber sind die bis ins dritte Glied sorgfältig gecasteten Nebenrollen, am genialsten besetzt Cowboyveteran Harry Carey als Vizepräsident des Senats. Claude Rains, Edward Arnolds und Guy Kibbee geben bis heute aktuelle Figuren des politischen Zoos. Schon zur Entstehungszeit überholt dagegen dürfte das Boyscout-Leitbild gesunden Provinzlebens gewesen sein, das Smith mit seiner Idee eines allheilenden ländlichen Sommercamps für Stadtjungen verfolgt (Freitag und Sonnabend im Filmkunst 66).

Die Helden von Rebel Without a Cause („ … denn sie wissen nicht, was sie tun“) könnten vom Alter her gut Absolventen dieser Pfadfinderlager sein. Jim und Plato, Judy, Buzz und Goon haben in Nicholas Rays Film als Kinder die frische Landluft des Westens genossen, geholfen hat es ihnen nichts. Denn ihre Eltern sind in ihrem Opportunismus auch nicht besser als die Vertreter in Washington. Und im Generationenkonflikt bekommt auch die patriarchale Gesellschaft erste Risse. Dabei wandeln sich, das war 1955 noch neu, die Kinder – hier schon im Teenageralter – von narrativen Spielfiguren zum Sujet der Geschichte. Bis nächsten Donnerstag (außer Sonntag) steht der ursprünglich als Starvehikel für James Dean und Nathalie Wood konzipierte Film in der Brotfabrik im Rahmen einer Hommage für Dennis Hopper auf der Leinwand. Der ist hier zwar in seiner ersten Filmrolle zu sehen, bewegt sich aber sehr am Rande der Breitwandleinwand.

Ob es den Fortschritt gibt, wer weiß? Dass Kinder in Filmen nicht nur vorkommen, sondern auch selber welche drehen, das zumindest dürfte zu Frank Capras und Nick Rays Zeiten ausgeschlossen gewesen sein. Doch warum soll man sich das gestern in Schöneberg eröffnete Jugendmedienfestival nicht dennoch als konsequente Weiterentwicklung von Mr. Smith’ Jugendlagerträumen denken. 110 Filme von Kindern und Jugendlichen aus 23 Ländern werden noch bis Sonntag in der Weißen Rose gezeigt, Mädchen sind heutzutage selbstverständlich auch dabei. Fragt sich, wie sich der Kinderblick auf die Welt trotz TV und Medieneinfluss von dem der Großen absetzt.

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