Cottbuser Filmfestival : Vom Gegenteil der Lüge

Beim Cottbuser Filmfestival ist ein neuer Männertyp zu entdecken. Viele Filme beeindrucken diesmal mit grandiosen Finalszenen.

Kerstin Decker
Utschitel
Save our souls. Szene aus Alexej Utschitels "Gefangen". -Foto: Festival

Der Auftritt der Population der Schildkröten im osteuropäischen Kino 2008 ist bemerkenswert. Zwar haben wir während des Cottbuser Festivals, das der Außenminister persönlich eröffnet und zum zweitwichtigsten Filmfestival Deutschlands erklärt hat, auch die Livegeburt mehrerer Schafe und Kühe erlebt. Aber die sind nützlich. Eine Schildkröte dagegen ist zu nichts zu gebrauchen. Doch in „Delta“ des Ungarn Kornél Mundruczó (Don-Quichote-Preis) gehört ihr gleich eine ganze große – großartige – Schlussszene. Als die letzte gleichgültige Hinterbliebene des Geschwisterpaares, dessen Zusammenleben die Mitbewohner des Deltas nicht dulden wollten, endgültig in der Donau untertaucht, hebt sich die Kamera hoch empor über die menschenleere Weite des Flusses und bleibt dort noch lange stehen.

Was für ein Einbruch archaischer Gewalt, gefolgt vom stummen Exil des Kriechtiers! Das muss sich kein Haus bauen, das kommt mit Haus zur Welt und kann nie mehr daraus vertrieben werden. Die Schildkröten kennen die Erde schon länger als wir und werden – das ist die überdeutliche Aussage ihres Auftritts auch in den anderen Filmen – selbst uns und unseren Unfrieden überleben.

Doch die stillen Einverständnisse im osteuropäischen Kino, dessen sichere, kompromisslose, selbstgewisse Formensprache in fast allen Wettbewerbsfilmen wieder erstaunte, reichen weiter. Es war das Festival der letzten Haussuche, der weiten menschenleeren Landschaften, der großen Tableauschlüsse, deren Schönheit dem Menschen zugleich seinen Platz in der Ordnung des Kosmos anweist: einen überaus geringen.

Wenn es einen Preis für den besten Filmschluss gäbe, hätte ihn wohl Michail Kalatosischwili mit „Wildes Feld“ gewonnen. So bekam er zwei Nebenpreise: Glenn Goulds Klavier legt sich zuletzt über die abendliche Steppe, in der bis eben ein junger Arzt lebte. „Ich wollte einen Film über einen glücklichen Menschen machen“, sagte Kalatosischwili. Einen möglichst zivilisationsfernen Menschen also. Was bei dem Ungarn Mundruczó das Delta war, ist für den Georgier die offene Steppe. Hierher kam der junge Arzt (Oleg Dolin), dem man ansah, dass er nicht inmitten dieser rauen Schönheit geboren wurde. Und doch heilte er mit seltsamer Selbstverständlichkeit sowohl tischdeckenfressende Kühe als auch komasaufende Steppenbewohner. Anders als in dem zweiten Steppenfilm des Festivals, „Tulpan“ von Sergej Dwortsewoj, der den Preis für die beste Regie bekam, wirken die kuriosen Momente hier nie kalkuliert.

Noch ein Gemeinsames fällt auf: Wir sahen hauptsächlich Männerfilme einer ganz neuen Kategorie. Denn es sind Männer, die hier die bewahrenden, die behütenden Aufgaben des Lebens übernehmen. Auch sind sie – wann hätte man das je in solcher vielstimmigen Gleichstimmigkeit gesehen? – die ungleich Liebesfähigeren, die Leidensfähigeren auch. Frauen sind Weggehende, Abgesandte der Zivilisation wie die Freundin des Arztes in „Wildes Feld“, wie die gar nicht sichtbare Tulpan in „Tulpan“. Die große anwesend Abwesende will aufs College, sie heiratet keinen Steppennomaden.

Der dritte Film, dessen schrecklich- schöner Tableauschluss wie ein Kommentar zu den menschlichen Dingen ist, hat den Hauptpreis gewonnen: „Gefangen“ von Alexej Utschitel. Im Tschetschenienkrieg versuchen zwei russische Soldaten, mithilfe eines wegkundigen tschetschenischen Gefangenen Verbindung zu einer versprengten russischen Einheit aufzunehmen. Auch russische Soldaten von heute sind vor allem eins: deplatzierte Zivilisten. Zivilisten sind Menschen, die strukturell nicht in der Lage sind, an Feinde zu glauben. Und sieht Djamil, dieser schmale, fast zu schöne Junge, dem sie allzeit misstrauisch doch trauen müssen, nicht eher schutzbedürftig aus? Mit Lakonie, Witz und jähen Einbrüchen der Gewalt erzählt Utschitel die Geschichte einer fatalen Wegsuche zu dritt.

Krieg ist noch dann, wenn er längst vorbei ist. Das zeigt der vielleicht verstörendste, schwärzeste, leider preislose Film des Festivals, „Niemandssohn“ von Arsen Anton Ostojic. Als es Jugoslawien noch gab, war Ivan Rocksänger. Jetzt ist er ein kroatischer Kriegskrüppel, der plötzlich beginnt, ein serbisches Tschetniklied zu singen (großartig: Alen Liveric). Ein Tschetniklied, das einst eines der schönsten serbischen Volkslieder war. Und das Gegenteil einer Lüge ist nicht die Wahrheit, sondern wieder eine Lüge – eine bitterere Absage an jeden moralischen oder ethnischen Reinheitswahn, an die kroatische Geschichte und Gesellschaft seit 1990 ist kaum denkbar.

Es ist, als gäbe es eine gemeinsame Ahnung der jungen Regisseure Osteuropas, dass von den Menschen nicht mehr viel zu erwarten sei. Nicht von der Gesellschaft, höchstens noch vom Einzelnen. Was für ein Unterschied zum Prager Aufbruch genau vor vierzig Jahren, als die Zukunft gleichsam in der Luft lag. Die Festivalretrospektive zeigte Dokumentarkurzfilme vom April und August 1968. Noch in der Nacht der russischen Besetzung waren tschechische Regisseure mit ihren Kameras unterwegs, die fast so viel wogen wie sie selbst, um das festzuhalten, was sie doch noch nicht glauben konnten.

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