Daniel Schmid – Le chat qui pense : Eine Hommage an den Kinomagier Daniel Schmid

"Daniel Schmid – Le chat qui pense" ist ein Gespinst aus Licht und Luft, eine schillernde Reminiszenz, eine Collage aus Kitsch und Kunst, Pathos und Sehnsucht, ein Film wie eine Séance.

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Daniel Schmid (l) ist ein Kinomagier.
Daniel Schmid (l) ist ein Kinomagier.Foto: T & C Film

Fragt der Gelehrte den Fächer: Was ist das Leben? Sagt der Fächer, mit sanftem Wogen: Wind, Wind, Wind.

Eine Schauspielerin erzählt das dem jungen Daniel Schmid, und im nächsten Moment flüstert er mit seiner rauen, zärtlichen, seit einer Kehlkopfoperation tonlos gewordenen Stimme: Wenn du jemanden beschreibst, beschreibst du immer dich selbst. Schmids Filme sind solche Selbstbekenntnisse, Windspiele, Traumgesichte, rätselhaft und voller Herzensgüte.

Daniel Schmid, der Schweizer Filmemacher, der 2006 viel zu früh gestorben ist, das Kind aus dem Berghotel in den Bündner Alpen, 1941 in die Theaterbühne des Hotelfoyers voller Emigranten und kapriziöser Gäste hineingeboren, ein Romantiker und Rebell, der zum Studieren ins wilde Berlin der 60er Jahre ging, der mit seinem Freund Fassbinder die Liebe zu Männern und zum Melodram teilte, der mit seinen Diven nach Paris ging, mit der Schauspielerin Ingrid Caven und mit Werner Schroeter, dem dritten Melodramatiker des neuen deutschen Films – diesem aus der Zeit gefallenen Regisseur widmen die Dokumentaristen Pascal Hofmann und Benny Jaberg eine zauberhafte Hommage.

„Daniel Schmid – Le chat qui pense“ ist ein Gespinst aus Licht und Luft, eine schillernde Reminiszenz, eine Collage aus Kitsch und Kunst, Pathos und Sehnsucht, ein Film wie eine Séance. Und ein wehmütiger Abgesang auf eine Filmkunst, die schon bei ihrer Entstehung anachronistisch war. „Heute Nacht oder nie“, „Schatten der Engel“, „Violanta“, „Zwischensaison“, „Der Kuss der Tosca“ (Schmids zauberhafte Dokumentation über Opernsänger im Altersheim): Schon seine Filmtitel klingen nach morbidem 19. Jahrhundert, weniger nach tatkräftiger Gegenwart.

Wie Schroeter liebte Schmid den Stummfilm-Expressionismus, die italienische Oper (die er in Zürich und Genf auch inszenierte), Douglas Sirk, die Callas, die große Pose, den Überschwang. Er entdeckte die Diva in jedem von uns, sagt Schroeter im Film. Auch er ist inzwischen an Krebs gestorben, im April 2010, der letzte Pathetiker des deutschen Films.

Die majestätischen Berge, der japanische Butoh-Tanz, die Erinnerungen der Gefährten, der Schauspielerin Bulle Ogier, des Kameramanns Renato Berta: Aus all dem entsteht eine Liebeserklärung nicht nur an Daniel Schmid, sondern an das Kino selbst. An das, was es vermag, wenn seine Bilder die Schwerkraft überwinden.

Tilsiter Lichtspiele, Xenon

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